Was macht (nicht nur) Frauen erfolgreich?

| von Sandra Kühnle

Es ist ein nach wie vor ungelöstes und gesellschaftlich viel diskutiertes Problem, dass eine steile berufliche Karriere noch immer deutlich mehr Männern als Frauen gelingt, sei es in klassischen Laufbahnen, als Unternehmerinnen oder in wichtigen gesellschaftlichen und politischen Einflusssphären. Frauen sind genauso gut ausgebildet, haben oft die besseren Noten und doch kommt eine große Zahl von ihnen ab einem bestimmten Punkt nicht weiter. Ein wesentlicher Faktor dabei ist, dass, während für Männer das strukturelle und familiäre Umfeld eher unterstützend wirkt, Frauen ihre Aufstiegschancen eher auf Kosten ihres Privatlebens realisieren müssen. Ihnen fehlt oftmals die emotionale und organisatorische Unterstützung, von der viele Männer wie selbstverständlich profitieren. Nahezu unabhängig von ihrer beruflichen Position übernehmen Frauen einen Großteil der häuslichen und familiären Pflichten, versorgen die Kinder und organisieren das soziale Umfeld.

Man kann sich darüber beschweren und – zu Recht – gesellschaftliche und strukturelle Verbesserungen und Chancengleichheit fordern. Es gibt jedoch noch eine andere Seite, die wir bei der Diskussion um Gleichberechtigung manchmal aus den Augen verlieren: Die Faktoren, die in der eigenen Person liegen und die man weitgehend selbst in der Hand hat.

Eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen geht der uralten Frage nach, welche spezifischen Eigenschaften Menschen erfolgreich machen und – in neuerer Zeit – welche Faktoren identifiziert werden können, die beruflich erfolgreiche Frauen auszeichnen. Unter anderem wurden Ärztinnen, die in der traditionell von Männern dominierten Berufswelt der Medizin bereits Karriere gemacht haben, auf psychologische Faktoren hin untersucht. Was also haben diese Frauen, was andere vielleicht nicht haben? Es ließ sich eine Reihe von Merkmalen identifizieren, welche die Fähigkeiten, Eigenschaften und Verhaltensweisen dieser Frauen charakterisieren:

  • Große berufliche Zielklarheit
  • Hohes berufliches Selbstvertrauen
  • Belastungsfähigkeit
  • Durchhaltevermögen
  • Delegieren können
  • Karriereambitionen äußern
  • Soziale Kompetenzen
  • Unterstützung organisieren können
  • Networking praktizieren

 

Die Studie besagt auch, dass weitere begünstigende Faktoren im äußeren Umfeld dazukommen müssen wie die Unterstützung durch die Familie, Förderung durch Vorgesetzte (nachdem die Karriereambitionen geäußert wurden) sowie klare, transparente und familienfreundliche Strukturen im Betrieb. Es ist also kein Märchen, dass Frauen auch an den Strukturen scheitern – aber scheitern sie nicht genauso häufig an sich selbst?

Wenn frau sich die oben genannte Liste der persönlichen Faktoren einmal genau anschaut und sich fragt: „Welche davon erfülle ich?“ – wie viele davon wird sie wohl am Ende deutlich bejahen? Wo sind Zweifel? Was verbindet sie mit diesen Worten?

Man wird schnell angesichts der eigenen Gedanken und Empfindungen zu diesen Worten merken, wo man steht. Was davon könnten Sie vorbehaltslos unterschreiben, wo meldet sich eher Unbehagen? Dieses Unbehagen deutet die andere Seite an, die dunkleren Schwestern dieser an sich positiven Eigenschaften, die unliebsamen Konsequenzen. Hohes berufliches Selbstvertrauen? Da müsste ich ja voll zu mir stehen, ich könnte mich durch fehlende Kompetenz blamieren, andere könnten mich angreifen und ich müsste meine Position entschlossen behaupten. Oder ich müsste die ganze Verantwortung tragen und könnte falsche Entscheidungen treffen. Karriereambitionen äußern? Könnte man mich dann nicht für aggressiv, machthungrig und unsympathisch halten? Würden andere nicht die erstbeste Gelegenheit ergreifen, mich auszubooten und zu Fall zu bringen?

Die ehrliche Antwort ist: Ja. All das kann natürlich passieren. Wenn wir Macht und Verantwortung haben, dann gilt unsere Stimme und wir sind in der Position, Entscheidungen zu treffen, die unter Umständen nicht allen gefallen oder die sogar falsch sein können. Wir können uns irren, wir werden vielleicht manchmal unsicher sein oder Fehler machen und wir werden die Konsequenzen unseres Tuns deutlicher zu spüren bekommen. Wahr ist aber auch, dass die schlimmsten Befürchtungen viel seltener eintreten als wir denken. Stattdessen tun sich oftmals ungeahnte neue Möglichkeiten auf, ein viel größeres Spielfeld an Einfluss und Gestaltungsfreiheit. Und Unterstützung, mit der wir gar nicht gerechnet hätten. Davon können wir aber nichts wissen und keine Erfahrung machen, solange wir die schlimmen Befürchtungen unbewusst dazu nutzen, niemals den sicheren Hafen verlassen zu müssen.

Was aber ist die Alternative? Sich zurückzunehmen und die Chancen verstreichen zu lassen? Zugunsten von Altbewährtem und Sicherem auf Einfluss und Weiterentwicklung zu verzichten? Würde Sie das glücklich machen? Frauen haben immer noch viel davon, sich in der Karriere nicht allzu sehr in den Vordergrund zu drängen. Es macht das Leben konfliktärmer, angenehmer, harmonischer – zumindest auf den ersten Blick. Sie verzichten damit jedoch auf ihre Stimme, ihre Autorität und darauf, wirklich etwas zu sagen zu haben. Letzten Endes ist zu befürchten, dass sich so auch gesellschaftlich wenig an der strukturellen Benachteiligung ändern wird, so lange sich Frauen nicht individuell und gemeinsam dafür einsetzen. So lange wir selbst es uns nicht zutrauen, warum sollten es die anderen tun? Wenn wir nicht sagen, was wir wollen, wie sollen es andere dann wissen und uns unterstützen?

Hören wir auf damit, uns selbst zu kritisieren und uns einzureden, was wir alles nicht wollen oder nicht können. Werden wir uns darüber klar, wo wir eigentlich hinwollen und was uns unabhängig von gesellschaftlichen Vorgaben und Rollenbildern zufrieden macht – und machen uns auf den Weg. Egal wie die individuelle berufliche Vision aussieht, ob es Chefärztin oder Öko-Bäuerin sein soll oder einfach ein größerer Gestaltungsbereich, wagen wir es. Sicher, es braucht vermutlich ein wenig Mut und Durchhaltevermögen, wenn es mal schwierig wird und wir begeben uns damit auch manchmal auf neues, unsicheres Terrain. Wir werden jedoch auf jeden Fall wachsen, Erfahrungen sammeln und selbst aus unseren Fehlern lernen. Wir werden vielleicht mehr und mehr Freude daran empfinden, uns in unserem gesamten Potenzial zu spüren, und vielleicht gelingt es uns sogar, humorvoll zu unseren Schwächen zu stehen und gelassen mit Schwierigkeiten umzugehen, weil wir schon soviel mehr gemeistert haben. Und wir könnten andere Menschen dazu inspirieren, es uns gleich zu tun.

Es lohnt sich also insbesondere für Frauen, sich mit diesen Erfolgsfaktoren auseinanderzusetzen, ihre Einstellung dazu zu überprüfen und ihre Qualitäten mehr und mehr in sich zu entwickeln. Und falls Sie ein Mann sind? Dann machen Sie es einfach genauso.

 

Die Zusammenfassung der Studie ist entnommen aus:

Hohner, H.-U. (2006). Laufbahnberatung. Wege zur erfolgreichen Berufs- und Lebensgestaltung. Bern: Huber

Mehr über diese und andere wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema:

Dettmer, S., Kaczmarczyk, G. & Bühren, A. (Hrsg.). (2006). Karriereplanung für Ärztinnen. Heidelberg: Springer

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