Der "Kontext" - Schlüssel zur Veränderung

| von Christin Colli

Wann immer wir zu jemandem oder über eine Sache oder Person sprechen oder an die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe herangehen, ja sogar, wenn wir einfach nur über uns selbst nachdenken, geschieht das aus einer bestimmten Haltung oder Überzeugung heraus. Diese Haltung oder Überzeugung nennen wir in unserem Coachingansatz Kontext. Der Kontext ist wie ein Gefäß, welches den Inhalt trägt und ihm einen Raum gibt.

Nehmen wir als Beispiel ein Glas mit Wasser. Hier stellt das Wasser die „Inhalte“ in unserem Leben und das Glas unsere unterschiedlichen Überzeugungen über diese Inhalte („Kontexte“) dar. Hat das Glas eine bestimmte Farbe, zum Beispiel grün, sieht auch eine an sich farblose Flüssigkeit durch das Glas gesehen grün aus. Das bedeutet, der Kontext oder der Rahmen hat entscheidenden Einfluss auf die Art und Weise, wie wir den jeweiligen Inhalt wahrnehmen. Indem wir Größe und Färbung des Glases, also den Kontext verändern, verändert sich ebenso unsere Wahrnehmung des Wassers, also des Inhalts.

Außerdem besteht ein weiteres Phänomen darin, dass sich der Inhalt immer dem jeweiligen Kontext anpasst. Eine Flüssigkeitsmenge von 0,3 Litern würde ein Glas entsprechender Größe komplett ausfüllen. Würde man die Flüssigkeitsmenge erhöhen, würde das 0,3 Liter Glas überlaufen, egal wie sehr man sich darum bemühen würde, eine größere Menge hineinzuzwingen. Der Kontext begrenzt also in diesem Fall die Inhaltsmenge. Auf uns bezogen, begrenzen also unsere jeweils individuell unterschiedlichen Überzeugungen (unsere Kontexte) die Inhalte, die wir in unseren Leben haben. Um mehr als 0,3 Liter Wasser in das Glas zu bekommen, müssten wir also nach der Erkenntnis, dass dieses Glas zu klein ist, ein größeres Glas wählen, also unseren Kontext vergrößern.

Um zu bemerken, dass das Glas zu klein ist, müssen wir es uns aber zu allererst ansehen. Aus welchem Kontext beziehungsweise aus welcher Haltung heraus wir jeweils agieren, ist uns allerdings bei der Bewältigung vieler Aufgaben meist nicht bewusst. Wir haben zum Beispiel eine Haltung zu Geld, zu Erfolg, zu Partnerschaft, zu Frauen, zu Männern, zum Leben, zu Chefs und zu Kindererziehung. Diese Kontexte transportieren wir unbewusst durch die Art und Weise, wie wir über etwas sprechen und auch darüber, was wir nicht direkt aussprechen, was sich dennoch durch unser Schweigen oder unsere Körpersprache transportiert. Es ist eine Botschaft, die zwischen den Zeilen mitschwingt und unsere Inhalte im Leben beeinflusst. Manchmal entstehen daraus Dynamiken, die uns nicht gefallen.

Hier ein Beispiel für das Benennen eines Kontextes:  

Frage: Welche Färbung hat unsere Meinung über Chefs in Deutschland? Denken wir im Allgemeinen eher positiv oder negativ über sie?

Antwort: Eher negativ.

Frage: Was denken wir über Chefs? Welche Eigenschaften haben sie?

Antwort: Chefs sind zum Beispiel inkompetent und dabei auch noch ignorant. Gefühlsdeppen und autoritär, können nicht führen, sind ungerecht usw.

Frage: Wenn wir nun an einen bestimmten Chef denken und unsere Meinung über ihn auf einen Satz reduzieren, der auf den Punkt bringt, was wir eigentlich von ihm halten - wie würde er lauten?

Antwort: Chefs sind inkompetente, ungerechte Gefühlsdeppen. Das wäre unser Kontext.

Die Dynamik dieses Kontextes:

Für den Fall, dass dieser "inkompetente, ungerechte Gefühlsdepp" montags ins Büro kommt und ohne Begrüßung an uns vorbei geht - sind wir überrascht?

Nein, sind wir wahrscheinlich nicht. Denn es passt zu unserem Kontext und bestätigt exakt, was wir eh schon über ihn wissen. Das hat zum Beispiel den Vorteil, dass wir uns nicht lange oder auch gar nicht über sein Verhalten aufregen und einfach weiterarbeiten. In der Mittagspause können wir uns außerdem mit den Kollegen über sein ungehöriges Verhalten austauschen. Außerdem stärkt der "gemeinsame Feind" den Zusammenhalt unter den Kollegen.

Was geschieht nun in dem Fall, wenn der Chef am Montag ins Büro kommt und uns freundlich begrüßt? Es ist eine Illusion anzunehmen, dass wir uns einfach darüber freuen werden. Da der Kontext heißt: „Der Chef ist ein inkompetenter, ungerechter Gefühlsdepp“, werden wir automatisch unsere Reaktion dieser Haltung anpassen. Vielleicht denken wir nun: "Der will irgendwas von mir, wahrscheinlich Überstunden." So bleiben wir auf der Hut, können uns allerdings auch nicht wirklich über seine Begrüßung freuen.

Zusammengefasst beeinflusst der Kontext über den Chef, wie wir unterschiedliche Situationen mit ihm erleben. Dabei ist es egal, ob er sich unserer Ansicht nach gut oder schlecht verhält. Er kann quasi machen, was er will, aus unserem Kontext über ihn kommt er nicht raus. Dieser wird immer bestätigt. Der Chef selbst hat darauf wenig Einfluss.

In dem Moment, in dem es uns gelingt, den Kontext über eine Sache auf einen kurzen Satz zusammenzufassen, reduzieren wir die Komplexität und bekommen dadurch zum ersten Mal Zugriff darauf und somit die Möglichkeit, unsere Realität mitzugestalten. Die Reduzierung der Komplexität ist also ein Mittel zur Erkenntnis. Danach können wir losgehen und etwas verändern, denn wir haben mehr Einfluss auf Bereiche, die uns bewusst sind. Somit können wir Kontexte nutzen, um den eigenen Handlungsspielraum zu vergrößern. Allerdings nur, wenn wir bereit sind uns diese anzuschauen und uns ihnen zu stellen.

Im Coaching erforschen wir gemeinsam mit dem Klienten den Kontext in Bezug auf ein bestimmtes Anliegen, denn dann erst können wir die Dynamiken in unserem Leben verändern und lernen das Grüßen oder Nichtgrüßen des Chefs neu zu bewerten. Alleine die Erkenntnis, dass ich an der Bewertung selber einen Anteil habe, kann schon erleichtern. Wahrscheinlich verändert sich auch die Dynamik zwischen Ihnen und Ihrem Chef und Sie lernen sich auf einer neuen, hoffentlich fruchtbareren Ebene kennen. Also hinterfragen Sie bei der nächsten Eingrenzung in Ihrem Leben doch mal Ihren Kontext.

Und trauen Sie sich diesen zu verändern.

1 Kommentar

Bettina Braeunl |

Liebe Christin,
Das ist wieder ein sehr sehr inspirierender Text von Dir!
Ich danke Dir dafür!
Herzlichst
Bettina

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