Die Angst vor dem Abstieg

| von Sandra Kühnle

Es ist rau geworden da draußen. Deutschland ist eine der reichsten Nationen der Welt, es geht uns sehr gut im Vergleich zu den vielen anderen. Natürlich nicht allen, es gibt Probleme und die Schere zwischen Armen und Reichen öffnet sich beständig. Und doch ist unser Überleben in einer Weise gesichert, von der Menschen in anderen Teilen der Welt nur träumen können. Wir leben in Frieden und Sicherheit, die wenigsten von uns müssen ums Überleben kämpfen.

Und doch leben wir in einer dumpfen unterschwelligen Atmosphäre der Angst und der Bedrohung, und es fühlt sich eben doch nach Existenzkampf und Unsicherheit an. Wie kommt das?

Ein Grund ist, dass Wohlstand relativ empfunden wird. Wir vergleichen uns nicht mit Menschen aus Afrika oder Asien, sondern mit unseren Nachbarn, Kollegen und Freunden. Und es lässt sich immer einer finden, der mehr hat als wir, der es weiter gebracht hat. Dies ist psychologisch betrachtet ein ganz normaler Vorgang, denn es spielen Faktoren sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Status in die Bewertung hinein, die letztendlich eine Aussage über unseren eigenen Wert ergeben.

Gesellschaftlicher Wert ist wichtig, er entscheidet über unser Ansehen, über die Kreise, zu denen wir Zugang haben, die Chancen für unsere Kinder. Also um unsere Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe. Und ein wichtiger Bezugspunkt für die anderen, unseren gesellschaftlichen Wert einzuordnen, ist unsere berufliche Stellung und damit unsere vermeintliche Leistungsfähigkeit. Es ist gut, sich abzugrenzen von all den Erfolglosen, gesellschaftlichen Versagern, Ausgesonderten. Denn wir erleben täglich, wie unsere Gesellschaft und unsere Politik mit diesen Menschen umgeht, wie sie immer weniger bekommen und immer mehr unter Druck gesetzt werden. Als wäre Hartz IV eine ansteckende Krankheit, meiden wir die Menschen, die diese staatliche Zuwendung erhalten. Wir fühlen uns durch diese Menschen an die vermeintlich allgegenwärtige Bedrohung aus dem System zu fliegen und ganz unten hart aufzuschlagen, erinnert. Wer unten ist, hat kaum noch eine Chance, wieder nach oben zu kommen – als hafte dieser Makel für immer an uns.

Wir investieren viel in ein gesellschaftlich anerkanntes Leben, arbeiten, verschulden uns, um all die scheinbar erstrebenswerten Dinge zu realisieren, die man braucht, um dazuzugehören: Ein hochrangiger Job, ein Haus, ein tolles Auto, die Privatschule für die Kinder, der nächste Tauchurlaub – das sind die Insignien eines erfolgreichen Lebens von jemandem, der es geschafft hat. Danach streben wir, und dafür strengen wir uns an - um nicht zu den Abgehängten zu gehören.

Und so laufen wir Gefahr, unsere Freiheit selbst zu beschränken und zunehmend darunter zu leiden. Selbst wenn wir unglücklich in unserem Beruf sind, eigentlich längst etwas anderes vorhätten, wagen wir es nicht, uns nach ernsthaften Alternativen umzusehen. Interessanterweise trifft dies oft noch mehr auf Menschen zu, die eigentlich viel erreicht haben, die sich finanziell nicht besonders viele Sorgen machen müssten und denen eigentlich alle Möglichkeiten offenstehen. Die vertraute Stellung aufzugeben kann sich anfühlen wie sterben, und tatsächlich ist es eine Art gesellschaftlicher Tod, nicht mehr auf seine Stellung verweisen zu können auf die Frage, wer wir eigentlich sind.

Ja, wer sind wir denn eigentlich jenseits dieser gesellschaftlichen Bewertung? Auf diese Frage gibt es – zum eigenen Schrecken – oftmals keine Antwort. Wir haben unser Leben an den Kriterien der Leistungsgesellschaft ausgerichtet, haben uns marktgerecht, plan- und berechenbar gemacht. Der Ruf des Herzens, der eigenen inneren Bedürfnisse und Absichten muss dagegen oftmals zurückstehen. Denn es ist nicht so leicht, dafür einen Maßstab zu finden, unseren Wert zu definieren. So erarbeiten wir uns eine Stellung, investieren viel Zeit und Engagement und sind überzeugt, wir tun das, um irgendwann frei zu sein, um unseren wahren Bedürfnissen Raum zu verschaffen und zu leben. Unterwegs haben wir allerdings vergessen, was dieses „leben“ eigentlich sein soll, und im Vergleich zu den objektiven gesellschaftlichen Kriterien für Erfolg fehlt uns hier der Maßstab. Gleichzeitig erleben wir aber, dass wir mehr und mehr aus unseren Angestelltenverhältnissen herausgedrängt werden – weil sie uns keinen Freude mehr machen und uns langweilen, wir uns von einer Befristung zur nächsten hangeln oder weil Arbeitsplätze unsicher geworden sind und wir nicht mehr gebraucht werden könnten. So ist man immer gerade mal ein Jahr von Hartz IV entfernt, die Bedrohung wirkt und wir strampeln weiter und weiter, so lange es eben geht. „Rette sich wer kann!“ „Sei zufrieden mit dem was Du hast“, „wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“, „das Leben ist kein Wunschkonzert“, „es reicht nicht mehr für alle“, „wer sich nicht selbst helfen kann, den können wir nicht länger mitschleppen“ -  mahnen und sie gesellschaftlichen Stimmen.

Wollen wir in einer solchen Gesellschaft leben? Wäre es nicht erstrebenswert, wenn Menschen an sich einen Wert besitzen würden und nicht nur die, die leistungsfähig im ökonomischen und gesellschaftlichen Sinne sind? Wenn wir den anderen Wert zugestehen, Respekt und Achtung, macht uns das selbst frei. Wir müssten weniger so tun, als seien wir wichtig, erfolgreich und wohlhabend – egal ob wir es nun gerade sind oder nicht. Wir müssten weniger Energie in unnötige Dinge stecken, ob es nun ein ungeliebter Beruf, die passende Selbstdarstellung oder der Aufbau einer perfekten, gefälligen Identität ist. Das ließe uns frei werden, uns zu entscheiden, welche Dinge für uns wirklich von Bedeutung sind.

Kategorien: Gesellschaft
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