Die Liebe ist in Verruf geraten

| von Sandra Kühnle

Valentinstag ist der Tag der Liebenden. Stellen Sie sich vor, dass wäre ein Tag ganz nach ihrem Geschmack. Sie bekämen vielleicht das Frühstück ans Bett serviert und würden mit einem Kuss geweckt werden. Oder Sie bekommen Blumen, einen Arm voll bunter Tulpen oder eine einzelne elegante Rose. Vielleicht ein Gedicht? Vielleicht würden Sie von Ihrem Liebsten oder ihrer Liebsten auch zum Essen eingeladen werden, ins Kino oder in die Oper. Oder Sie nehmen sich beide frei und verbringen den Tag zusammen? Wie sähe Ihr persönlicher Tag der Liebe aus? Und haben Sie jemanden, mit dem Sie ihn verbringen würden?

Die große Liebe zwischen zwei Menschen scheint ein kaum erreichbares Ideal

„Ach, Valentinstag, das ist doch eine Erfindung der Konsumindustrie“, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Und tatsächlich mag es für viele schwer vorstellbar sein, inmitten einer Realität von Alltag und Existenzsicherung, von Beziehungskrisen, Seitensprüngen, Ehescheidungen, einer zunehmenden Zahl von Singles oder nach 20 Jahren Ehe noch an die große leidenschaftliche Liebe zu glauben.

Es scheint, als wäre die Liebe ein wenig in Verruf geraten. Betrachtet man die gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurse zum Thema, zeigt sich ein nüchternes, fast ernüchterndes Bild. Die große Liebe zwischen zwei Menschen scheint die Ausnahme und ein kaum erreichbares Ideal, von dem wir uns besser verabschieden sollten. Wir sind nicht dafür gemacht, sagen die Biologen, wir erwarten zu viel und sollten uns bescheiden, sagen die Psychologen, wir sollten die trügerischen Bilder aus Hollywood und der Werbeindustrie entzaubern, sagen die Soziologen.

Wirft man einen Blick auf die Geschichte der modernen Vorstellung von Liebe, lassen sich diese Schlussfolgerungen gut nachvollziehen. Mit dem aufsteigenden Bürgertum seit dem 18. Jahrhundert entstand die Liebesheirat und damit erstmals auch die Freiheit, seine Partnerwahl unabhängig von Stammes- und Standeserfordernissen zu treffen. Allein die gegenseitigen Gefühle füreinander sollten nun darüber entscheiden, wer sich bindet. Das Bürgertum war zu Besitz bekommen und erlangte damit die gesellschaftliche Macht, sich gegen die verkrusteten Strukturen des Adels zu wenden für die Ideen von Freiheit und Demokratie.

Im Namen der Liebe bildeten sich gesellschaftliche Strukturen, in denen die Liebe selbst nicht mehr viel Platz fand.

Was für eine wunderbare Errungenschaft, möchte man meinen. Doch schon bald zeigte sich die Kehrseite dieser Entwicklung. Die Heirat aus Liebe war in den westlichen Industrienationen nun nicht nur zur Basis einer gesamten Gesellschaftsordnung geworden, sondern verschränkte sich zunehmend mit sozialen und wirtschaftlichen Faktoren. Sie wurde insbesondere für Frauen zu einem Vehikel des sozialen Aufstiegs, entschied über die Verteilung von Besitz und Eigentum und wurde immer mehr in das kapitalistische Konsumhandeln integriert. Im Namen der Liebe bildeten sich gesellschaftliche Strukturen, in denen sie nicht mehr viel Platz fand. Gesellschaftskritische Strömungen und insbesondere der Feminismus brandmarkten die Ehe daher bald als Ort der Unterdrückung, der bürgerliche Moralvorstellungen tradierte und die Frauen in einer neuen Weise unterjochte. Die Frau sollte ihren Unterdrücker und die Umstände ihrer Unterdrückung nun auch noch wählen und „lieben“.

Die Kritik an den realen Zuständen der Liebe ist berechtigt und trifft auch auf Paare jenseits von Ehe oder Heterosexualität zu. Vieles von dem, was wir heute leben, was unseren gesellschaftlichen Normvorstellungen entspricht, ist oft nicht leicht zu vereinbaren und viele Paare reiben sich auf zwischen ambivalenten Rollenmodellen und in den Ansprüchen an beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg sowie an ein sicheres Leben, das sie zu zweit realisieren sollen. Doch die Kritik an den Verhältnissen hat ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Liebe hervorgerufen und kultiviert, und gerade den reformatorischen und gesellschaftskritischen Strömungen ist die Liebe abhanden gekommen. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass sie oftmals so nüchtern und mit wenig Strahlkraft daherkommen. Sie misstrauen der Leidenschaft und den großen Gefühlen.

Was brauchen wir, um aus vollem Herzen "Ja" zu sagen?

Wie wäre es, wenn wir die Verhältnisse einmal umkehren würden und uns fragen, welche gesellschaftlichen Strukturen wir brauchen, um eine tiefe und leidenschaftliche Liebe mit unserer Partnerin oder unserem Partner leben zu können? Wovon wir uns befreien müssten, um wirklich aus vollem Herzen zu jemandem „Ja“ sagen zu können? Emotionen dienen dazu, komplexe Situationen in kürzester Zeit zu bewerten und bieten uns damit eine wichtige Orientierungsfunktion, was sich „gut“ für uns „anfühlt“ und was nicht. Es lohnt sich, einmal näher zu betrachten, was uns Unbehagen bereitet und den darunter schlummernden Gefühlen Raum zu geben. Welche Lebenskraft und welches enorme gesellschaftliche Potenzial könnten darin stecken, wenn Menschen ihre Herzen öffnen und tatsächlich fühlen?

Es ist selten ein Zuviel, als vielmehr ein Zuwenig an Liebe, an dem unsere Beziehungen kranken. Wir haben oftmals Angst vor unseren wirklichen, starken Gefühlen, weil wir befürchten, uns lächerlich zu machen, abgewiesen und ausgeschlossen zu werden oder aber dass wir es dann nicht mehr aushalten könnten in unserem Job, unserer Familie oder unserer Partnerschaft. Es gibt nur noch wenige sichere Orte, an denen Liebe ungehindert fließen darf. Nicht umsonst steht die Liebe der Eltern zu ihren Kindern so hoch im Kurs. Sie ist vielleicht der letzte Ort, an dem es gesellschaftlich akzeptiert und nicht albern und wahnsinnig wirkt, an ewige und bedingungslose Liebe zu glauben.

Wagen wir es - tragen wir die Liebe hinaus in die Welt

Es gibt viel zu tun für uns. Machen wir uns die historischen Entwicklungen bewusst, die Männer und Frauen entzweit haben. Schauen wir uns einmal an, was uns auch jenseits von Geschlecht gesellschaftlich zu Konkurrenten gemacht hat. Wagen wir einen Blick in unser Inneres und fühlen, was uns wirklich bewegt und was uns schmerzt. Wir alle haben eine tiefe Sehnsucht danach, in unserem ganzen Wesen gesehen und anerkannt zu sein, von uns selbst und von anderen. Die Liebe und das daraus erwachsende Vertrauen bereiten den Boden dafür, etwas zu wagen, zu sich zu stehen und sich Schritt für Schritt ganz zum Ausdruck zu bringen.

Wagen wir es. Tragen wir die Liebe hinaus in die Welt. Fühlen wir und beginnen, uns selbst anzunehmen. Üben wir uns darin, auch unsere dunklen, bedrohlichen Gefühle zuzulassen und einen Umgang damit zu finden. Bringen wir Liebe und Akzeptanz in unsere Partnerschaft und unsere Freundschaftsbeziehungen und kultivieren wir Vertrauen.

Das wäre revolutionär – und wahre Liebe.

 

Kategorien: Gesellschaft
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