Lampenfieber, eine stressauslösende Herausforderung

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Lampenfieber, eine stressauslösende Herausforderung

von Maika Brüning

Eine Situation, die fast jeder kennt: Sie sollen vor vielen Menschen einen Vortrag oder eine Rede halten, bei Ihrem Chef vorsprechen oder beim Elternabend eine Frage stellen. Und was passiert? Der Puls schießt in die Höhe, Nervosität macht sich breit, Blackout. Nahezu jeder ist dieser Angst schon begegnet, aber nur wenige setzen sich mit ihr bewusst auseinander.

Unser Körper reagiert auf Veränderung in unserer Umwelt. Immer wenn etwas vermeintlich Unkontrollierbares eintritt, wird Stress ausgelöst. Sobald wir die Kontrolle wiedererlangt haben und erfahren, dass die erlebte Situation für uns nicht mehr bedrohlich ist, entspannen wir uns. Das Sprechen vor vielen Menschen nehmen die Betroffenen als bedrohlich wahr. Die kurzfristige körperliche Reaktion breitet sich auch auf der Verhaltensebene aus. Schnell raus aus der Situation, schneller sprechen und nur noch verabschieden. Oder es gibt das andere Extrem. Wir flüchten nicht, sondern lähmen uns. Wir sprechen langsamer, verzögert gehen wir das Skript durch und fallen in eine Art Starre, bis uns jemand von der Bühne holt. Obgleich das Szenario auch mit einem tiefen Ausatmen und einem erfolgreich referierten Vortrag enden kann, stellt sich die Frage: Was nützt die Angst und wie kann ich dem Lampenfieber den Strom nehmen?

1. Schritt - Zum Akzeptieren gehört Verstehen

2. Schritt - Entspannung und Vertrauen finden

3. Schritt - Ersetzen durch Erfahrung und Übung

 

Schauen wir in Gerald Hüthers Biologie der Angst. Der Gehirnforscher beschreibt auf plausible Weise, wie Angst zustande kommt und wie wir ihr begegnen können.

Stressoren werden ausgeschüttet, wenn das noradrenerge System aktiv ist. Daher schwitzen die Hände, die Atmung geht schneller, die Stimme zittert, Röte zeigt sich im Gesicht. Die Symptome auf körperlicher Ebene sind schnell zu beherrschen, wenn sich auf kognitiver Ebene wohlwollende Gedanken des Akzeptierens einstellen.

Das noradrenerge System wird aktiv, wenn wir etwas richtig schnell lernen. Dem äußeren Reiz muss eine gewisse Dringlichkeit und Wichtigkeit inne liegen, damit es aktiviert wird. Dann sind wir hellwach, hoch konzentriert und tragen schnell zur Lösung des Problems bei. Das Wissen, das uns nicht berührt, welches nicht die geringste Spur einer kontrollierbaren Stressreaktion auslöst, bekommen wir, wenn überhaupt, nur mit größter Mühe in unseren Kopf. Andernfalls wird es schnell wieder aussortiert und vergessen. So werden Nervenbahnen gebaut, mittels derer wir Herausforderungen bewältigen können. Wenn Sie sich also immer wieder Herausforderungen stellen, wie beispielsweise vor vielen Menschen frei zu referieren, dann werden Highways ausgebaut, die Sie schnell bedienen können.

Hüther erläutert in wissenschaftlicher und metaphorischer Sprache, dass die Angst uns anpassungsfähig und im Vergleich zu anderen Lebensformen überlebensfähig macht.

„Wir haben die Stressreaktionen nicht deshalb, damit wir krank werden, sondern damit wir uns verändern.“ (S. 113).

Ein Beispiel aus dem Rhetorik-Training, wie wir in Präsentationen vor großen Gruppen wirksam sprechen können, ist das Üben des Denk-Sprechflusses. Hierbei geht es darum, den Gedanken so schnell wie möglich in Form von Sprache und Sprechen zu veräußern. Je öfter freies Sprechen vor Gruppen oder allein aus dem Stegreif geübt wird, umso schneller wird aus den holprigen Holzwegen eine atemberaubende Autobahn. Die Erfahrung, etwas zu formulieren und zu senden, macht uns sicherer, dass unser Gehirn nicht in der Leere hängt – wie im Blackout – sondern dass wir uns artikulieren können und die Kommunikation im Präsentieren gelingt. Im Grunde aktiviert uns das Lampenfieber, es treibt uns zu Höchstleistungen an und fördert den Lernprozess.

Hüther unterscheidet zum einen kontrollierbare Stressreaktionen. Das sind die Herausforderungen, die schon vorhandene neuronale Verschaltungen wie bestimmte Überzeugungen, Strategien und Verhaltensweisen festigen. Zum anderen gibt es unkontrollierbare Stressreaktionen, die als Bedrohung empfunden werden. Nur letztere sind in der Lage, neue Verknüpfungen zu schalten. Angst ist nach Hüther unbedingt notwendig, um alte Muster aufzulösen und Neues zu erfahren. Neue Bahnen zu bauen und alte Wege zu verlassen, mag uns bedrohlich erscheinen, ist nach dieser Erklärung jedoch nichts anderes als eine Bewältigung einer unbekannten Situation, die begleitet ist durch eine Stressreaktion auf körperlicher, kognitiver und Verhaltensebene.

„Wenn sich eine Belastung als kontrollierbar erweist, kehrt sich plötzlich alles um, aus einer Bedrohung wird eine Herausforderung, aus Angst wird Zuversicht und Mut, aus Ohnmacht wird Wille…“ (S. 39).

Im ersten Schritt gilt es zu verstehen, dass Angst hilfreich ist um die stressauslösende Situation zu bewältigen. Dieses Verständnis soll die neue Perspektive einer wohlwollenden Haltung gegenüber Stresssymptomen schaffen.

Hüther zeigt in bildhafter Sprache auf, wie der Mensch seine Gedanken steuern kann und außerdem achtsam damit umgehen sollte, welcher Umgebung er sich aussetzt. Denn jeder Reiz trainiert das Gehirn wie einen Muskel. Je nachdem, in welchem Umfeld wir uns bewegen, werden wir anders beeinflusst, nehmen Reize auf und damit entstehen andere neuronale Verknüpfungen. Die häufig geschaltete Verbindung im Gehirn ist die Route, die wir meistens fahren und mit der wir schnell an unser Ziel kommen. Hochfrequent trainierte Areale zeigen entsprechende Leistung. Je nachdem, ob ich abends Sport treibe, eine Serie auf der Couch schaue oder mich der Stille aussetze, werden unterschiedliche Areale ausgebildet.

Weiterhin stellt Hüther heraus, dass die individuelle Erfahrung maßgeblich für den Umgang mit Stress ist. Coping-Strategien sind geprägt von Vorerfahrungen. Wie ich die stressauslösenden Gefühle bewerte und sie kontrollieren kann, zeigt sich in unserem Verhalten. Haben wir die Erfahrung gemacht, dass jemand uns auf der Suche nach einer Lösung unterstützt, so glauben wir, mit Hilfe von anderen das Problem zu meistern. Auch Vielfalt beeinflusst unsere Fähigkeit mit Stress umzugehen. Vielfalt meint, dass das Repertoire an Strategien, Verhaltensweisen, Überzeugungen und Fähigkeiten als Ressource dient, mit der wir eine Bedrohung in eine Herausforderung verwandeln können.

 

Ja sagen – auch wenn es stressig ist

Erweist sich also die Situation als kontrollierbar, das heißt nehme ich die Belastung und meine Stresssymptome mit einer wohlwollenden Einstellung an, so kehrt sie sich in eine positive Situation.

Und was für ein gutes Gefühl stellt sich ein, wenn wir eine kontrollierbare Belastung erfolgreich überstanden haben. Selbstbewusst gehen wir aus der Situation hervor– der Vortrag ist gut gelaufen. Ich habe meinem Kunden eine Veranstaltung schmackhaft gemacht, meine Forschungsergebnisse präsentiert oder meinen Patienten gut beraten. Der Redende hat mehr Vertrauen in seine Kompetenzen erlangt. Wir sind zufrieden, denn uns wurde bestätigt, was wir wissen und können.

Obgleich nicht jede Erfahrung durch aktives Handeln vollzogen wird, kann eine Lösung auch auf mentaler Ebene gefunden werden. Oft kann durch Nachdenken eine ungewöhnliche Anforderung gelöst werden. Je häufiger diese Probleme auftreten, umso einfacher können wir das entsprechende Denkmuster abrufen und die bereitgehaltene Strategie einsetzen. Es entsteht wieder ein Highway, auf dem man sehr schnell an sein Ziel kommt.

Festzuhalten ist, dass eine Situation, die Stress auslöst uns zu schnellem Lernen verhilft. Basierend auf neu geschalteten Nervenbahnen können wir unsere Komfortzone erweitern bis zur nächsten Herausforderung. Vertrauen Sie also darauf, dass Sie sich von der Angst wachrütteln lassen können, um sich mit einer neuen Erfahrung zu bereichern. Nehmen Sie stressauslösende Situationen mit der Technik des interessierten Beobachtens an und lassen Sie Ihr Lampenfieber Ihnen den Weg leuchten.

 

Quelle: Hüther, Gerald (2004): Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht.

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