Reise zu den Huni Kuin im Amazonas

| von Alexandra Schwarz-Schilling

Heute berichte ich von meiner Reise zu meinen Freunden, den Huni Kuin im Bundesstaat Acre in Brasilien an der Grenze zu Peru im Amazonasgebiet. Ich habe mit Ihnen eine Kooperation aufgebaut mit meinem Projekt Living Gaia in der Chapada dos Veadeiros, Alto Paraiso, 240 km nördlich von Brasilia.

Die Reise in die Dörfer der Huni Kuin entlang des Flusses Jordão ist jedes Mal ein Eintauchen in eine andere Welt. Eine Welt des lebendigen Waldes und der Verbundenheit mit den Kräften der Natur. Das Leben dort ist geprägt von Gemeinschaft, heiligen Gesängen, Zeremonien und wundervoll geschmückten Frauen sowie Männern, Frauen und Kindern, die alle zusammen ihre Dinge des Alltags bewältigen, anbauen und dabei eine ungemeine Kraft der Freude ausstrahlen und im wahrsten Sinne des Wortes „verkörpern“.

Es beginnt bereits mit dem Flug von Rio Branco nach Jordão in einer kleinen Propellermaschine. Wir fliegen zu zehnt über die unermesslichen Weiten des Amazonas, die sich unter uns ausbreiten wie ein riesiges Meer aus Wald, durchzogen von sich schlängelnden Flüssen. Die sich türmenden Wolkenformationen sind an sich schon ein unglaubliches Naturspektakel. Dreimal zeigen sich wunderschöne Regenbogen inmitten dieser Wolkenwelten, die wie eine schillernde Brücke zwischen Himmel und Erde erscheinen.

Wir landen in Jordão und werden abgeholt von unseren Freunden Txana Bane und Kathy Makuani, die bereits seit 2 ½ Monaten dort sind. Txana Bane ist der Sohn von Sia Huni Kuin, dem Häuptling „cacique“ des Volkes der Huni Kuin in der Gemeinde Jordão, bestehend aus ungefähr 3.000 Personen, verteilt auf 32 Dörfer. Kathy ist Txanas Frau aus Deutschland. Sie haben eine gemeinsame Tochter, Linda Menuani und leben seit Oktober 2014 in Berlin. Kennengelernt haben wir uns im Juni 2013 auf dem Xina Bena Festival in Lago Lindo, einem der Dörfer in Jordão. Daraufhin hat sich eine intensive Zusammenarbeit und Freundschaft mit Txana und Kathy entwickelt mit vielen Besuchen in Berlin, die schließlich zum Umzug von beiden nach Berlin geführt hat. Txana ist im Wald aufgewachsen und als Jugendlicher nach Rio de Janeiro gekommen. Dort hat er eine Gruppe aufgebaut, die „Guardiões Huni Kuin“. Vor einigen Jahren hat Txana angefangen, auch in Europa zu arbeiten und so traf er Kathy 2011 in Norwegen. Kathy ist Heilpraktikerin und seit ihrer Begegnung ebenfalls eingetaucht in die Welt der amazonischen Pflanzenkunde und Spiritualität.

„Wir“ sind in diesem Fall eine Gruppe von Unterstützern der Huni Kuin. Ernesto Neto ist ein international bekannter Künstler aus Rio de Janeiro, den die Huni Kuin so inspirierten, dass er seine Ausstellungen in Spanien, Köln, Wien und jetzt Dänemark mit Kooperationsprojekten für die Huni Kuin verbindet. Anna Dantes ist Verlegerin aus Rio de Janeiro, die seit 5 Jahren das unglaubliche Wissen der Huni Kuin über die Pflanzen des Waldes gesammelt und in einem wunderschön bebilderten Buch „Una Isi Kayawa - Livro da Cura do povo Huni Kuin do rio Jordão“ herausgebracht hat. Ernesto, Anna und Team sowie ich sind jetzt gekommen, um an einem großen „Encontro“ (Treffen) in einem der Dörfer teilzunehmen, bei dem es um die Umsetzung weiterer gemeinsamer Projekte geht. Nach 1 ½ Tagen in Jordão geht es also los. Wir fahren mit kleinen Booten den Rio Jordão entlang. Txana, Kathy und ich machen noch einen Abstecher für eine Nacht ins Dorf seiner Mutter. Eingehüllt von den Geräuschen des Waldes schlafe ich in meiner Hängematte und inhaliere die Ruhe und Entspannung. Am nächsten Tag fahren wir gegen Abend ins andere Dorf. Viele sind schon angekommen. In den Küchen brennt das Feuer, es riecht nach Maniok und Caiçuma, einer köstlichen nahrhaften Suppe. Wir installieren uns mit unseren Hängematten in einer der Hütten. Am nächsten Morgen nehme ich ein erfrischendes Bad an der Wasserstelle (fließendes Wasser gibt es nicht, genauso wenig wie Strom).

Txana, der gemeinsam mit Sia und Ernesto dieses Treffen initiiert hat und wir Unterstützer treffen uns gemeinsam mit Anna und Zezinho Yube, Vertreter der indianischen Interessen im Bundestaat Acre, um den Ablauf der nächsten zwei Tage zu planen. Zezinho Yube wird das Treffen moderieren. Alle bringen ihre Punkte ein. Kathy und ich schlagen vor, dass es zu einem Zeitpunkt ein paralleles Treffen nur unter Frauen und Männern jeweils separat geben soll.

Familien aus 14 Dörfern sind angereist um teilzunehmen. Es beginnt mit einer Retrospektive, einer Ehrung der Ältesten, die das Wissen des Volkes an die Jüngeren weitergegeben haben und weitergeben. Dann geht es darum, welche Projekte jetzt anstehen. Es soll eine Kooperative gebildet werden, die die Versorgung der Dörfer verbessert, ein öffentlicher Bootsverkehr zwischen den Dörfern und Jordão soll entstehen. Ein Laboratorium soll installiert werden, die Frage ist wo genau und wer soll verantwortlich sein. Diskutiert wird darüber, wer in der Kooperative mitarbeiten will und welchen Zeithorizont man sich für die Entwicklung geben möchte.

Ich spreche darüber, wie wichtig es ist die Situation der Frauen zu verbessern. Die Frauen arbeiten ununterbrochen: sie holen und tragen das Wasser, kochen, versorgen die Kinder, waschen die Wäsche. Im Wald sind das alles sehr aufwändige Tätigkeiten, in keinster Weise unterstützt von Technik wie in unserer modernen Welt. Zusätzlich sind sie Künstlerinnen, stellen den Perlenschmuck her, machen Keramik und wundervolle Kleidungsstücke. Auf allen diesen künstlerischen Objekten, die gleichzeitig Dinge des alltäglichen Gebrauchs sind, die man benutzt oder anzieht, sieht man die verschiedenen „Kine“, die Muster der Schlangen, die Verbindung zur spirituellen Welt. Die Frauen bemalen sich und alle anderen ebenfalls mit diesen Mustern. Sie singen und tanzen in den Zeremonien und manifestieren so einen großen Teil des kulturellen Reichtums der Kultur der Huni Kuin. Viele von ihnen sprechen nur wenig oder gar nicht portugiesisch, da sie im Gegensatz zu den Männern viel seltener aus den Dörfern heraus kommen. Die Kultur der Huni Kuin ist inzwischen in Rio de Janeiro und anderen Teilen Brasiliens, wie z.B. auch in Alto Paraiso sowie in Teilen Europas recht bekannt durch den unglaublichen Reichtum ihrer spirituellen Welt, der sich vor allem durch die Zeremonien und Gesänge transportiert, die die „Pajés“ (Schamanen) durch ihre Reisen in die Welt tragen. Die männlichen Schamanen reisen also und profitieren vom Austausch mit der modernen Welt. Oft kommen auch Menschen aus der modernen Welt in den Wald, um von ihnen zu lernen und sich zu transformieren. Auch da gilt die Aufmerksamkeit und Bewunderung hauptsächlich den männlichen Schamanen. Ich spreche darüber, wie wichtig die Balance zwischen männlichen und weiblichen Kräften ist und dass die Unbalanciertheit ein wesentlicher Grund ist für den kritischen Zustand unserer wunderschönen Erde. Alle hören aufmerksam zu und besonders die Frauen sind sehr dankbar, dass jemand ihre Situation thematisiert und nicht alle Aufmerksamkeit –wie üblich– nur den Männern gilt.

Nach dem Abendessen ruhen sich alle etwas aus und dann beginnt die Zeremonie. Sie dauert die ganze Nacht bis es wieder hell wird. Es ist schwierig zu beschreiben, was bei einer solchen Zeremonie geschieht. Alle sind wundervoll geschmückt mit beeindruckendem Federschmuck, mit Perlenketten und sind eindrucksvoll bemalt. Dann wird die ganze Nacht gebetet, gesungen, getanzt und Musik gemacht. Männer, Frauen, Kinder, alle feiern gemeinsam mit viel Freude und Inbrunst und einem Sinn von Gemeinschaft, wie er in unserer Kultur sehr selten oder nie zu spüren ist. Ich bin mal wieder sehr dankbar dafür, Zeuge dieses Geschehens sein zu dürfen. Im Morgengrauen legen wir uns in unsere Hängematten und ruhen uns ein wenig aus. Die Frauen sind trotz der langen Nacht schon wieder damit beschäftigt, Wasser zu holen und das Frühstück zu bereiten.

Nach dem Frühstück treffen sich Kathy, Anna und ich mit den Frauen, so wie wir es bei der Erarbeitung des Ablaufplans besprochen hatten. Auch die Männer treffen sich unter sich. Wir fragen die Frauen, wie sie die Entwicklung des Volkes sehen, was ihre Perspektive und Bedürfnisse sind. Sie berichten uns, dass es für sie sehr wichtig ist, mehr Austausch zu haben sowie Möglichkeiten, ihren Schmuck zu verkaufen und Ausbildung zu bekommen, z.B. in Form von Portugiesischunterricht. Kathy hat bereits seit einiger Zeit damit begonnen, den Schmuck der Frauen mit nach Deutschland zu nehmen, ihn dort zu verkaufen und jeder Frau das Geld für den von ihr produzierten Schmuck wieder mitzubringen. Die Frauen geben den Schmuck nicht gerne den Männern mit, da diese ihnen oft das Geld dafür nicht zurückbringen, sondern es selbst ausgeben, häufig leider auch um zu trinken. Alkohol ist inzwischen auch dort ein Problem und deswegen ist es extrem wichtig die Arbeit der Frauen separat zu unterstützen. Ich schlage vor, die Kooperation mit Living Gaia jetzt in dem Sinne zu konkretisieren, dass ich im Juli diesen Jahres 5 Frauen nach Living Gaia einlade und für 10 Tage dort gemeinsam mit Menschen aus Brasilien und Europa ein Austauschcamp gestalte mit Portugiesischunterricht, Austausch der Kulturen, des gegenseitigen Wissens und der Inspiration. Die Freude über die Einladung ist sichtlich groß. Sofort werden 5 Frauen bestimmt, die für diese Reise in Frage kommen. Sie werden also dieses Jahr nach Alto Paraiso reisen, zusammen mit Ayani Hunikuin, die gut portugiesisch spricht und als erste und bisher einzige Frau schon als Schamanin gereist ist, sogar zur Eröffnung von Ernesto Netos Ausstellung nach Wien im Juni letzten Jahres. Anna Dantes schlägt daraufhin vor, dieses Vorhaben noch mit einer Weiterreise nach Rio de Janeiro zu verbinden, sodass sich für die Frauen plötzlich eine Perspektive ergibt. Zwischendurch haben die Frauen ihren wundervollen Schmuck ausgebreitet sowie Taschen, Mützen, Röcke, Westen und Stirnbänder. Kathy fordert die Frauen auf, ihren Schmuck je Frau in eine Tüte zu packen und mit einem Zettel zu versehen, auf dem ihr Name steht, das Dorf aus dem sie kommen sowie eine Liste der Sachen, die sie produziert haben. Kathy nimmt alles mit, verkauft es und bringt jeder Frau einen Umschlag mit Geld zurück, so wie sie es schon mehrfach getan hat. Auf diese Weise erfahren die Frauen Wertschätzung und finanzielle Eigenständigkeit. Dabei wird offensichtlich, dass sie uns mehr vertrauen als ihren eigenen Männern. Auch hier ist also eine Menge Versöhnungsarbeit zwischen den Geschlechtern zu leisten. Wir machen mit unseren Projekten einen Anfang.

Anschließend treffen wir uns wieder alle in großer gemeinsamer Runde und einige Vertreterinnen präsentieren mit Stolz und Freude die Ergebnisse. Sie werden verreisen, was für ein Anfang. Ich betone erneut, wie wichtig es ist die Balance zu kreieren und ermutige die Männer ihre Frauen mehr zu unterstützen. In Zukunft wollen wir jedes Jahr ein solches Austauschcamp auf Living Gaia organisieren und die Männer natürlich auch nicht ausschließen. Große Erleichterung seitens der Männer ist zu spüren.

Nach dem Mittagessen geht die Besprechung über die Organisation der Kooperative weiter bis spät hinein in den Abend. Irgendwann sind wir alle müde nach langen zwei Tagen und einer zeremoniellen Nacht dazwischen. Am nächsten Morgen beginnt das Zusammenpacken und Abreisen. Ich fahre zusammen mit Anna und ihrem Team schon am Vormittag Richtung Jordão los. Die Sonne brennt ohne Unterlass. Zwischendurch nehmen wir ein kurzes Bad im Fluss. Nach circa 5 Stunden erreichen wir wieder Jordão und das nur weil wir ein sehr schnelles Boot haben und jetzt flussabwärts unterwegs sind. In Jordão organisieren wir unsere Sachen, nehmen ein Mahl zu uns und bald darauf treffen auch Txana, Kathy und Ernesto ein. Wir genießen einen letzten gemeinsamen Abend und lassen die Tage noch mal gemeinsam Revue passieren.

Am nächsten Tag heißt es Abschied nehmen. Anna, Ernesto, ihr Team und ich sowie unser genialer indianischer Moderator aus Rio Branco, Zezinho Yube, fliegen zurück aus dem Wald nach Rio Branco - zurück in die Zivilisation, die moderne Welt. Auf dem Flug ist mein Herz erfreut über diesen Kontakt mit dem Wald, mit dem Volk der Huni Kuin und über die Möglichkeiten und Perspektiven, die wir gemeinsam entwickeln. Fotos von allem gibt es hier zu sehen.

Viva floresta - Viva Povo Huni Kuin - Viva Living Gaia

Haux haux

3 Kommentare

Ranny Rüther |

Danke, liebe Alexandra, für diesen wunderschönen und sehr inspirierenden Reisebericht. Mein Herz ging auf beim Lesen....

Verena Meier-Koll |

Beim Lesen Deines wundervollen Berichtes, liebe Alexandra, kommen mir die Tänen in die Augen! Wie schön, was Ihr alle erlebt, wie schön alles, was Du mitinitiierst! Wie gern wäre ich mit dabei! Doch spüre ich, daß meine deutschen Wurzeln mir im Augenblick den Vorrang meiner Aufmerksamkeit abverlangen und ich wohl noch ein paar Jahre warten muß, bis ich wieder nach meinem geliebten Brasilien, zu den vielen wundervollen Menschen dort und nach Living Gaia kann!
Saudades!!!

Angelina |

Emocionante! Ein sehr gelungener Bericht, beim Lesen hatte ich das Gefühl dabei gewesen zu sein. Ich fand deine Reise sehr spannend und aufregend.
Wenn mas sowas tolles erfährt, dann muss man auch darüber schreiben und es mit anderen Menschen teilen. Brasilien überhaupt ist ein so vielfältiges und hochspannendes Land voller kulturellen Einzigartigkeiten!
Allein die Flagge zeigt schon wie vielfältig das Land ist, Blau für die Meere, Gelb für den Strand und Grün für den Amazonas! Und jeder Stern steht für ein Bundesland. Sehr beeindruckend, und ich erzähle gerne über meine Urlaube in Brasilien, wenn mich Bekannte und Freunde danach fragen. Denn die meisten hören gespannt zu und nehmen jedes Wort auf!

Dieses Jahr (wahrscheinlich Ende 2016) werde ich wieder eine Reise nach Brasilien antreten und unternehme eine 10 tägige Rundreise in Brasilien. Solche <a href="http://www.travelantis.de/rundreise_und_baden/index.php">Kombireisen</a> eignen sich hervorragend, um in kürzester Zeit möglichst viel von einem Land zu entdecken. Ganz Brasilien in seiner vollen Pracht zu erleben braucht man schon länger, vielleicht sein ganzes Leben...

Reisen ist kein Prozess, der mit dem Flug anfängt und endet. Es ist ein Lebensgefühl, was einen vermittelt, wie groß diese Welt ist und das jeder Ort einzigartig ist.

Vielen Dank für den tollen Beitrag. Obrigado!

Viele Grüße.

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