Tradition, Religion und Weltfrauentag

| von Alexandra Schwarz-Schilling

Am 08. März begehen wir den Internationalen Frauentag, der vor gut 100 Jahren entstanden ist, als es darum ging, das Wahlrecht für Frauen zu erkämpfen. Seit Anfang Februar ist der Film Suffragette - Taten statt Worte - in den Kinos, der uns diesen Kampf um Selbstbestimmung und Würde eindrucksvoll und erschütternd zugleich nahe bringt.

Auch heute im Jahr 2016 wird uns schmerzlich bewusst, dass Frauenrechte und würdevolle Frauenbilder keinesfalls selbstverständlich sind. Auch hier müssen sie immer wieder benannt und verteidigt werden. Unser veraltetes Sexualstrafrecht, das dringend reformiert werden müsste, sei da nur ein Beispiel.

Wir werden damit konfrontiert, dass Menschen zu uns kommen, in deren Kultur patriarchale Traditionen nach wie vor an der Tagesordnung sind, angeblich im Namen von Religion. Der Islam ist in den letzten Jahrzehnten von patriarchalen Traditionen verstärkt dazu instrumentalisiert worden, diese zu rechtfertigen. Wer sich ein bisschen mit der Geschichte des Patriarchats (seit circa 4500 Jahren) auskennt, der weiß, dass unsere heutigen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) allesamt später entstanden sind und dazu dienten, die bereits durchgesetzten gesellschaftlichen Umwälzungen im Nachhinein religiös zu rechtfertigen und zu zementieren. Insbesondere die Abwertung und Unterwerfung der Frau brauchte eine spirituelle Rechtfertigung. Insofern ist es kein Wunder, dass auch in der heutigen Zeit patriarchale Traditionen religiös begründet werden.

Diese Umwälzungen waren:

  • Krieg wurde zum "Vater aller Dinge", Krieger und Anführer von Armeen versklavten unterworfene Völker und verteilten die Kriegsbeute.
  • Die väterliche Erblinie wurde eingeführt, um Nachschub an Kriegern zu sichern. Ab diesem Zeitpunkt musste die weibliche Sexualität männlicher Kontrolle unterworfen werden, was dann später zur Einführung der Ehe führte.
  • Zerschlagung der matrilinearen Sippenstruktur und Einführung der patriarchalen Familie, in der ein einzelnes männliches Individuum das Sagen hatte und Frauen, Kinder, Sklaven und Vieh zu Eigentum dieses Individuums ohne eigene Rechte erklärt wurden. 
  • Staatenbildung, einzelne Anführer und Kriegsherren wurden zu Herrschern über Völker und gaben ihren Status über die männliche Erbfolge an ihre männlichen Nachkommen weiter.
  • Männliche Götter entstanden; die damals noch machtvollen weiblichen Göttinnen wurden zunehmend dämonisiert.
  • Frauen waren keine spirituellen oder religiösen Funktionsträgerinnen mehr.

Diese gesellschaftlichen Umwälzungen wurden durch die Einführung von monotheistischen patriarchalen Religionen weiter verstärkt (Judentum vor circa 3000 Jahren, Christentum vor 2000 Jahren, Islam vor circa 1400 Jahren). Immer wieder haben wir auch in Europa in den letzen Jahrhunderten grauenvolle Blüten dieses Prozesses beobachten können. Heute sehen wir die hässliche Seite hauptsächlich im arabischen Kulturkreis und dort in einigen Ländern (wie Saudi Arabien) und dem sogenannten "Islamischen Staat" besonders ausgeprägt. Gleichzeit erleben wir, dass auch in gemäßigten islamischen Ländern die patriarchalen Traditionen im Aufwind sind und unter dem Vorwand von Religion und Abgrenzung zu westlichen Werten propagiert werden.

Was bedeutet das für uns?

Um dieser Entwicklung auch im eigenen Land angemessen begegnen zu können, ist es wichtig, über Wurzeln und Zusammenhänge zwischen Tradition und Religion Bescheid zu wissen und aufzuklären. Der Zusammenhang zwischen Krieg und Patriarchat wird deutlich, wenn man sich klar macht, dass wir in Mitteleuropa seit 70 Jahren Frieden haben. Dies ist in unserer gesamten Patriarchatsgeschichte das erste Mal! Zwei verheerende Weltkriege kurz hintereinander waren notwendig, um uns dazu zu bringen, uns wirklich um Frieden zu bemühen. Auch dieser Frieden war oder ist durch einen "kalten Krieg" überschattet. Dennoch konnte ein Raum entstehen, der es überhaupt erst ermöglichte, scheinbar Unveränderliches zu hinterfragen, es langsam zu verändern und Neues auszuprobieren. Menschenrechte und Frauenrechte sind daraus entstandene Errungenschaften. Das, was wir damit erreicht haben, würde im Zustand des Krieges sofort wieder hinfällig!  

Wir sind also aufgefordert, den Realitäten auf der Welt ins Auge zu blicken und die Zusammenhänge beim Namen zu nennen. Krieg, Rassismus und Sexismus sind gleichermaßen Ausdruck patriarchalen Denkens und Fühlens. Das in der Debatte um Zuwanderung und Flüchtlinge das eine gegen das andere ausgespielt wird, zeigt deutlich, dass die Wurzel des Problems weder bewusst, noch verstanden ist.

Wir versuchen mit unserer Arbeit einen Beitrag zum Thema zu leisten. Geschichte wiederholt sich so lange und so oft, bis ihre Wurzeln verstanden und gewandelt sind. Dies ist individuell wie kollektiv der Fall. 

Im Juni 2016 findet wieder ein Seminar für Frauen statt "Die Kunst eine Frau zu sein", geleitet von Alexandra Schwarz-Schilling und Sandra Kühnle.

Anfang Oktober bietet Alexandra Schwarz-Schilling zusammen mit Gandalf Lipinsiki das Seminar an: "Jenseits des Patriarchats - von der Zerstückelung der Welt zu ihrer Neugestaltung". Weitere Infos dazu bei Alexandra in der Coaching Spirale

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