Vom Erzählen

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Vom Erzählen

Wie oft am Tag halten Sie ein Schwätzchen? Plaudern im Treppenhaus, auf dem Flur oder am Telefon - mit dem Nachbarn, mit dem Kollegen und Bekannten? In diesen alltäglichen Konversationen konstruieren wir unsere Wirklichkeit. Im Erzählen geben wir zu verstehen, wie wir uns selbst und andere sehen.

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“

In Kinderbüchern und nicht nur da, werden Geschichten erzählt, um eine Moral zu vermitteln oder auch um Zugänge zu einer anderen Perspektive zu erschließen. Sie können damit eine neue Sichtweise auf die Dinge bieten. Wir erzählen Geschichten von uns indem wir berichten oder uns erinnern und vermitteln damit unseren Standpunkt, unsere Motive und Werte. Über das Erzählen kreieren wir soziale Welt. Zum Einen verstehen wir uns selbst im Lauf der Zeit, zum Anderen vermitteln wir, wer wir sind.

Im Erzählen werden die Dinge, wie wir sie betrachten, Beziehungen, die wir pflegen und Erlebnisse, von denen wir berichten, geformt. Daraus ergibt sich ein folgender Grundsatz im Kontakt mit dem Anderen: Es entsteht ein Gefühl von Verantwortlichkeit für das gesprochene Wort und die gebaute Wirklichkeit. Wenn ich also meine eigene Wirklichkeit toleriere, so übertrage ich diese Annahme auch auf den Anderen. Folglich toleriere ich das, was ich höre gleichermaßen.

Alles eine Frage der Identität

Nun aber zurück zur großen Frage „Wer bin ich?“. In der eigens erzählten Geschichte ist das erzählende Ich der Handlungsträger. Dabei hat es die Aufgabe, sein vergangenes Ich mit Eigenschaften auszustatten und seine Handlungen zu inszenieren. "Oder machen Sie mal Abenteuer mit solchem Buben. Ich bin mit meinem Kind auf’s Feld gegangen, da lagen wir unter der Decke und haben gewartet. Da hat der Kleine schon geschimpft, dass er warten muss und dann kamen die Wildschweine und die Rehe und das Kind war selig. Das braucht so ein Kind. Und nicht Streit mit den Eltern". In diesem Beispiel stellt der Protagonist sich als wohlwollenden Vater dar, der vermittelt, was ein Kind braucht und dass der Erfolg, ein Kind zufrieden zu stellen, etwas kostet. Mit dieser Selbstdarstellung vermittelt er dem Zuhörer die Rolle des Vaters und die Bedürfnisse eines Kindes.

Hinzukommt, dass er sich in der Erzählsituation auf den Zuhörer bezieht. Es fließen Erwartungen des Zuhörers ein und werden sichtbar. Auch wie der Andere zuhört und welche Signale er sendet, wirkt in die Gestaltung der eigenen Geschichte. Die Situation rahmt das Erzählte. Die Art und Weise, wie er sein vergangenes Ich darstellt und inszeniert, lässt erkennen, wie der Erzähler sich selbst sieht beziehungsweise wie er gesehen werden möchte. Damit ist das Erzählen von Selbsterlebtem sowohl Selbstdarstellung als auch Selbstherstellung. Die Frage nach dem Ich kann somit im Medium des Erzählens und im miteinander Sprechen beantwortet werden. Im ständigen Austausch konstruieren wir uns selbst und unsere Wirklichkeit, die vom anderen bestätigt oder abgelehnt wird. Dabei stellt das erzählende Ich sich und andere dar, positioniert die anderen in der Geschichte sowie den Zuhörer. Das erzählende Ich betreibt somit "Identitätsarbeit in Aktion". Gleichzeitig beansprucht es damit einen bestimmten Geltungsrahmen und fordert soziale Konsequenzen ein. Jedes Gespräch unterliegt also der Frage "Wer bin ich?“ und wie will ich, dass der Andere mich sieht.

Erzählen als gemeinsame Herstellung von Welt

Der soziale Aspekt des Erzählens besteht im ständigen Herstellen von einer geteilten Wirklichkeit. Zwei vergesellschaftete Objekte konstituieren Sinn und zwar leibhaft und situativ. Dieses Verständnis von Kommunikation und Selbstdarstellung auf Wortebene legt den Fokus auf das Gemeinsame.

Nun birgt für manche, das sich selbst darstellen, eine Hemmschwelle. Wenn wir aber davon ausgehen, dass im Vorgang des Erzählens die eigene Wirklichkeit gebaut wird und wir uns „nur“ Selbstdarstellen, dann könnte es die eigene Hemmung senken. Das gilt gleichermaßen für den Zuhörer. Auch dieser hat seine eigene Perspektive auf die Dinge. Desweiteren führt die gegenseitige Toleranz zu einer besseren Annahme der eigenen Selbstdarstellung. Jeder, der Redehemmung oder Lampenfieber empfindet, könnte, indem er dieses Verständnis integriert und damit seine Hemmung akzeptiert, dazu aufbrechen, das Wort zu ergreifen.

Folgendes Programm kann Sie unterstützen, etwas zu sagen:

  • Ich stelle während des Vortrags Fragen.
  • Bei Diskussionen stelle ich häufiger Fragen und sage meine eigene Meinung, auch wenn ich nicht mit Zustimmung rechnen kann.
  • Im Freundeskreis erzähle ich häufiger persönliche Erlebnisse und drücke  meine Gefühle offener aus.

Die Hemmung, im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen, lässt sich auch in folgenden Szenarien abbauen:

  • Bleiben Sie  in der U-Bahn stehen, obwohl vielleicht noch Plätze frei wären, und sehen Sie ihre Mitfahrer nach der Reihe an.
  • Stehen Sie im Kino oder im Theater noch einmal auf, bevor die Vorstellung beginnt und lassen Sie die Augen suchend über die Reihe gleiten.
  • Stehen Sie im Restaurant auf, um eine Zeitung, Salz, Zucker oder ähnliches zu holen.
  • Kommen Sie zu einer Besprechung oder zum Flugzeug bewusst als eine/r der Letzten.
  • Schauen Sie über den Spiegel beim Friseur die anderen Kunden an.
  • Wenn Sie zu einer Veranstaltung zu spät kommen, stellen Sie sich an einen Platz, von dem aus Sie für alle gut sichtbar sind. Sehen Sie sich im Raum um.
  • Wenn Sie an Teamsitzungen oder Seminaren teilnehmen, bleiben Sie stehen. Wenn die anderen bereits sitzen, öffnen Sie das Fenster.

Mit der Zeit hilft Ihnen der Gewöhnungseffekt, d.h. das unangenehme Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen, lässt nach. Schöpfen Sie Ihren Freiraum aus. Sie können es aushalten, im Mittelpunkt zu stehen. Die eigene Präsenz im öffentlichen Raum zu spüren und das Suchen des Blickkontakts schärfen die Selbstdarstellung und Selbstherstellung. Ähnliches geschieht eben auch im Prozess des Erzählens.

Letztendlich teilen Menschen im alltäglichen Erzählen von Selbsterlebtem ihre Erfahrungen mit. Sie gleichen ihre Sicht auf die Dinge einander an oder betonen Unterschiede und grenzen sich voneinander ab. Sie suchen einander und finden Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Wenn das Erzählen von Selbsterlebtem ein Mittel ist, um zu verstehen zu geben, wie wir gesehen werden wollen, dann ist das Erzählen von unseren Perspektiven auf die Dinge eine selbststehende Sache, für die wir die volle Verantwortung tragen. Im schwatzen, plaudern und erzählen stellen wir somit permanent Sinn her und konstruieren geteilte Wirklichkeit. Schließlich bedeutet es auch, dass wir dem anderen wertschätzend zuhören können, ihm seine Gefühle spiegeln können und somit Anteilnahme pflegen. Dies ist der Kern einer wertschätzenden Kommunikation und somit tut erzählen gut.

Quellen

Lucius-Höhne, G. & Deppermann, A. (2004): Narrative Identität und Positionierung. In: Gesprächsforschung–Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion, 5, 166-183.

Watzlawick, P., Beavin, J. H., & Jackson, D. D. (1990): Menschliche Kommunikation. Formen. Störungen. Paradoxien. Stuttgart: Hans Huber.

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