Was Paare bewegt oder wie man Paare coacht

| von Christin Colli

Viele Paare kamen im letzten Jahren zum Coaching. Meist kamen sie in einer Situation, in der sie sich am Tiefpunkt ihrer Beziehung sahen und allein einfach nicht mehr weiter wussten. Wenn überhaupt noch Kommunikation in Form von Gesprächen stattfand, vergrößerte jedes Gespräch untereinander die Eskalation und  den Frust auf beiden Seiten. Sie ahnten, dass sie auf diese Weise über kurz oder lang auseinander gehen würden. Doch bevor es dazu käme, wollten sie prüfen, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, zusammen zu bleiben, weil das der eigentlichen Sehnsucht von beiden entsprach.

Die Kunst im Paarcoaching besteht darin, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem erlebte Situationen des Paares ihr Drama verlieren ohne sie jedoch zu bagatellisieren. Es soll ein Rahmen gegeben werden, in der die subjektive Sicht eines jeden überhaupt mal gehört und damit respektiert wird. Ich unterstütze diesen Prozess, in dem ich zum Beispiel Worte anbiete, die den Gefühlszustand desjenigen der spricht, präzise zum Ausdruck bringen, auch, in dem ich dem Gespräch eine Struktur gebe, die es jedem ermöglicht, dem anderen zu zuhören, weil jeder weiß, dass er dran kommt. Im Alltag geben wir uns oft nicht die Zeit. Während der andere spricht, bereiten wir gedanklich schon unsere Gegenargumentation vor oder sind noch mit anderen Dingen beschäftigt, weil diese dringender erledigt werden müssen, weil man eh schon glaubt zu wissen, was der andere einem sagen will, weil man sich vor einer Eskalation schützen will oder warum auch immer. Die Folge davon sind viele Missverständnisse, die erfüllende Momente zur Ausnahme werden lassen.  Allein dieses gegenseitige Zuhören bewirkt, das viele Missverständnisse beseitigt werden können, weil jeder ohne Rechtfertigungsdruck seine Position darlegen und erklären kann. Alle im Raum können spüren und auch nachfragen, ob dies den anderen erreicht solange bis es ihn erreicht. 

Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die zu einem wesentlichen weiteren Schritt führt, nämlich sichtbar zu machen, welche Meinung jeder im unteren Teil des Eisberges über den anderen gebildet hat. Normalerweise befürchten wir, dass dies auszusprechen das endgültige Ende der Beziehung einleiten würde. Genau das Gegenteil ist aber der Fall, wenn es in einem sicheren Rahmen geschieht, getragen von der Absicht, wieder zusammenzufinden. Meist ist es sogar befreiend sowie erhellend, endlich, den jeweiligen Kontext über den anderen auszusprechen und zu hören. Denn die Überraschung hält sich sehr in Grenzen, weil wir längst spüren und wissen, dass der Partner uns nicht mehr als Held oder Klassefrau sieht. Oft hilft der eine dem anderen sogar, die Meinung noch mehr auf den Punkt zu bringen. Im Anschluss untersuchen wir die Dynamik der jeweiligen Meinung. Die fehlende Nähe, der Streit, der Frust ... letztlich die Resignation sind ein Teil des Preises.

Erkenntnisreich ist aber auch die Seite des Gewinns zu verstehen, weil nun sichtbar wird, dass sogar in der negativen Meinung über den anderen eine positive Absicht liegt, wie zum Beispiel: das Verhalten des anderen besser Einordnen zu können, um darauf vorbereitet zu sein, sich vor Enttäuschung zu schützen, eine Rechtfertigung für sein eigenes Tun/Nichttun zu generieren, die Hoffnung, ein bisschen Kontrolle über die Situation zu bekommen und vieles mehr.

Die momentane Wahrheit auszusprechen, ermöglicht beiden, sie nicht mehr leben zu müssen. In den meisten Beziehungen ist es so, dass wir den anderen unbewusst früher oder später vom Thron herunterholen und jede Menge Beweise für die veränderte Meinung bekommen, sodass wir schließlich vergessen, dass dies einmal anders war. Der Vorstellungskraft wieder auf die Sprünge zu helfen, kann die nächste Phase im Paarcoaching sein, denn es ist unwahrscheinlich, dass man sich zum Beispiel freiwillig in eine nervige Dampfwalze oder einen sturen Langweiler verliebte. Zu Beginn einer Liebesbeziehung pflegen wir eine Überzeugung über den anderen, die uns Liebe, Vertrauen und Erfüllung verspricht. Dies tun wir ebenso unbewusst, einfach, weil es unserer tiefen Sehnsucht als Mensch entspricht, uns darüber zu erfahren. Wir sehen die Einmaligkeit, das Besondere im anderen. In dem Moment, indem sich Paare daran erinnern, spüren sie, dass sie nun wieder wählen können, für welche Meinung sie von nun an Beweise sammeln wollen. Mit der Entscheidung und der Deklaration einer erweiterten Haltung über den anderen verändern sich die Wahrnehmungsfilter. Als Folge können nun ganz andere Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten auftauchen. Erfüllung ist wieder möglich. Dieser Prozess ist kein Selbstläufer und bedeutet auch, dass man immer wieder Zeit und Energie in die Partnerschaft investieren muss. Deshalb nutzen Paare das Coaching auch noch nach dieser Phase, um sich von Zeit zu Zeit wieder in diesen sicheren Rahmen zu begeben.

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