Berufsfindung der Generation Y

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Die Generation Y und ihre Themen im Coaching

Berufsfindung der Generation Y

Viel wird analysiert, geschrieben und prophezeit über die derzeit mehr und mehr ins Berufsleben hineinwachsende Generation Y. Sie definiert Arbeit neu, will mehr Flexibilität, mehr Work-Life-Balance, mehr Sinnhaftigkeit, so heißt es in den Medien. Sie, die ab 1980 Geborenen, werden den Arbeitsmarkt reformieren. Sie dringen auf neue Werte, wünschen sich mehr Freizeit und sind nicht mehr bereit, 60 Stundenwochen zu schieben, um eine Karriere aufzubauen. Ihre Gestaltungsmacht wird gestärkt durch die Demografie. Sie sind wenige und sie wollen viel, nichts Geringeres als einen Wandel der Berufswelt. Eine vor Selbstbewusstsein strotzende Generation mit ehernen Zielen und Werten. Eine Generation, die im Alltag und im Internet erlebt „alles ist möglich und alles ist ständig im Fluss“, schreibt DIE ZEIT und diagnostiziert der Generation Y in der Verfolgung ihrer Ziele Kompromisslosigkeit.

Soweit so gut. Aber ist das wahr?

Immer mehr junge Berufseinsteiger, ihres Namens Vertreter der Generation Y, finden den Weg ins Coaching. Und es ist sehr erfreulich, dass Coaching weiter in die Gesellschaft hineinwächst und damit auch von jüngeren Klienten genutzt wird. Gleichzeitig lassen die Anliegen junger Klienten aufhorchen. Ja, es gibt viel mehr Freiheit und es locken immer neue spannende Studiengänge, Auslandsaufenthalte und virtuelle Entfaltungsräume. Alles scheint möglich. Und genau das ist das Problem.

Das Problem der Generation Y ist die gefühlte Grenzenlosigkeit

Wenn Grenzen das Problem der Generationen vor ihnen waren, dann hat die Generation Y ein genau umgekehrtes Problem. Die gefühlte Grenzenlosigkeit. Sie wirft den Abiturienten, den Studierenden und später oft noch einmal den Hochschulabsolventen komplett auf sich selbst zurück. Wenn mich keiner in meinen Entscheidungen begrenzt, heißt das im Umkehrschluss, dass ich niemanden für mein Unglück verantwortlich machen kann. Der Preis für die individuelle Freiheit ist hoch. Ich muss selber wissen, was der perfekte Job oder das passende Studium für mich ist. Nicht weniger als 5800 Berufe definiert die Bundesagentur für Arbeit auf der Internetseite "Berufenet". Wenn theoretisch alles machbar ist, dann kann die Freiheit, sich für eine Option zu entscheiden, einen schmerzhaft mit dem „Scheiden“ von 5799 anderen Optionen in Kontakt bringen. Und alternative Optionen wie Auslandsaufenthalte, Reisen, Sprachkurse oder Freiwilligendienst sind noch nicht mal mit eingerechnet.

Druck – Verunsicherung & Orientierungslosigkeit werden von außen unterschätzt

Folglich steht die vermeintlich taffe Generation Y, wenn sie sich beruflich orientiert, häufig erst einmal gehörig unter Druck. Ein Druck, der von außen oft unterschätzt oder nicht ernst genommen wird, wenn er keine Klärung findet aber zu großer Verzweiflung bis hin zur Handlungsunfähigkeit führen kann. Junge Klienten, die Unterstützung in dieser Lebensphase suchen, haben oft große Angst, überhaupt irgendeinen beruflichen Schritt zu machen. Aus Angst, die perfekte Option im Überangebot der Möglichkeiten zu verpassen. Hinzu kommt, dass die Informationsflut und die soziale Vernetzung das Vergleichsspektrum exorbitant erhöht haben. Das erweckt oft den Eindruck, dass alle anderen wissen, wo es langgeht. Übrig bleibt dann ein Gefühl der Verunsicherung und der Orientierungslosigkeit.

Tatsächlich aber treten viele Vertreter der Generation Y der generellen Verunsicherung mit Aktivität und einem Gefühl von Selbstverantwortlichkeit entgegen. Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann spricht davon, dass sich junge Erwachsene heute ein hohes biografisches Selbstmanagement abverlangen und verstärkte Bildungsinvestitionen tätigen. Sie kommen schon deshalb früher auf die Idee, Coaching für sich zu nutzen.

Was nun kann Coaching in dieser Situation leisten und was nicht?

Beim Thema berufliche Orientierung wünschen sich junge Klienten oft ein Gegenüber, welches die große Frage "Welcher Beruf ist perfekt für mich?" beantwortet. Eine äußere Instanz, die die Last der Entscheidung trägt, das wäre schön. Aber Coaching ist keine Berufsberatung – das gilt es schon im Vorgespräch klarzustellen, um falsche Erwartungen zu korrigieren.

Berufsfindung als Prozess

Die wichtigsten Aspekte im Coaching mit jungen Klienten, die sich beruflich orientieren wollen, sind meiner Ansicht nach dreierlei:

1. Die ungewohnte Introspektive ermöglichen

2. Mut machen zu vertrauen

3. Sich selbst die Erlaubnis geben, Fehler zu machen

Mit Introspektive meine ich den Richtungswechsel des eigenen Blickes vom Außen aufs Innen. Oft richtet sich die Aufmerksamkeit bei der Berufswahl mehr nach außen. Welche Möglichkeiten gibt es, was machen die anderen oder auch die Frage: Ist das cool? Ungewohnter sind die Fragen: Was bringe ich mit? Was ist meine ganz spezifische Kombination aus Fähigkeiten, Interessen und Erfahrungen? Und vor allem: Was ist meine wirkliche Sehnsucht? Ein gutes Gefühl dafür, was ich persönlich richtig gut kann und was mich wirklich inspiriert, führt dazu, dass ich mich traue, meinen inneren Kompass – meine Intuition – wahrzunehmen. Und unseren inneren Kompass brauchen wir in einer Zeit, in der die Überzahl an Möglichkeiten erschlagend ist. Unser Gehirn kann nicht 5800 Optionen gegeneinander abwägen. Gibt unsere Intuition aber eine Richtung vor, gilt es, Vertrauen in die eigenen Impulse zu wagen und diesen nachzugehen. Mit einer Handvoll Optionen kann unser Gehirn gut arbeiten. Und bei der finalen Entscheidung ist unsere Intuition sowieso wieder im Spiel.

Selbstvertrauen beruht in der Regel auf Erfahrungen, die wir mit uns selbst gemacht haben. Abiturienten aber auch Hochschulabsolventen haben sich in der Regel noch wenig im beruflichen Kontext erlebt. Sie haben also wenig eigene Erfahrung mit sich im Beruf gemacht. Das bedeutet, zu einem gewissen Teil bleibt die Entscheidung für einen Berufsweg immer ein Wagnis. Egal wie gut man sich im Vorfeld informiert, jeder Entscheidung wohnt immer auch die Möglichkeit des Scheiterns inne. Und ob ein Klient sich traut, loszugehen für eine Option, hängt oft genau an diesem Punkt. Es mag sich zunächst absurd anhören, aber es hilft, sich selbst bewusst die Erlaubnis zu geben, Fehler machen zu dürfen. Das ist umso wichtiger in einer Lebensphase, in der das Wort "Beruf" noch ein theoretisches Konzept ist und der Umstand, dass es sich bei der Berufsfindung immer auch um einen Prozess handelt, selbst noch nicht erlebbar geworden ist. Denn am Ende lehren uns die "Fehler", vor denen wir so oft Angst haben, was wir eigentlich erleben wollen und was nicht. Und je weiter wir im beruflichen Leben voranschreiten, desto klarer wird die Erkenntnis, dass wir es selbst sind, die auf dem Berufsweg unsere Weichenstellung auch immer wieder neu justieren können.

Literaturtipps zum Thema:

Bas Kast: Ich weiß nicht, was ich wollen soll. Warum wir uns so schwer entscheiden können und wo das Glück zu finden ist. Fischer Verlag.

Bas Kast: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft. Die Kraft der Intuition. Fischer Verlag.

Kerstin Bund, Uwe Jan Heuser, Anne Kunze: Generation Y. Wollen die auch arbeiten?, Zeit Online: http://www.zeit.de/2013/11/Generation-Y-Arbeitswelt

2 Kommentare

Peter Reitz |

Ein sehr schöner Artikel, ich sehe Ihre drei aufgelisteten Aspekte zur Berufsfindung mit jungen Menschen genauso. Besonders die "Reduktion von Komplexität", also die Vereinfachung der (oft unglaublich vielen) Möglichkeiten finden junge Klienten sehr hilfreich.

Auch ein schönes Buch dazu:
Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste was ich will - von Barbara Sher.

Herzliche Grüße,

Peter Reitz

Katharina |

Hey, ich studiere coaching und möchte meine erste Hausarbeit über die coachingthemen der Generation Y schreiben. Danke für den tollen Artikel.

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