30 Jahre danach – die Tage der Wende

4. Nov, 2019

Am Abend des 9. November

Mein Freund und ich arbeiteten als Lehrer*in in Marzahn an polytechnischen Oberschulen (Klasse 1-10). Wir hatten unsere Arbeitsroutine gefunden, und nach dem Unterricht war vor dem Unterricht. Bis in die späten Abendstunden bereiteten wir die nächsten Unterrichtstage vor oder wir korrigierten Tests. Es gab immer etwas zu tun. Zwischendurch aßen wir Abendbrot und hörten die Nachrichten. Da wir meist bis Mitternacht beschäftigt waren, sahen wir auch die Spätnachrichten am 9. November. Wir hörten, wie Günter Schabowski sagte: …“ das gilt meiner Meinung nach unverzüglich.“  Wir sahen uns beide an und dachten, es kann sich nur um einen schlechten Scherz handeln und gingen schlafen. Obwohl  der Duft von baldiger Veränderung schon seit Wochen in der Luft lag, ob der großen Auswanderungswelle der Druck auf die Regierung stieg – enge Freunde von uns waren auch über Ungarn nach Westdeutschland ausgewandert – der Stimme des Tagesschausprechers begegneten wir mit Skepsis und Misstrauen. Am nächsten Morgen gingen wir, wie gewohnt in unsere Klassen, doch das Lehrerzimmer und die Klassenräume waren leer. Fast alle waren shoppen in Westberlin. Es war also wahr- die Mauer war offen und zwar ab sofort. Nach der Schule spazierte ich durch Berlin Mitte mit einem Freund, der Pressefotograf war und in der der Nacht zuvor am Brandenburger Tor dabei war, einer von denen, die auf die Mauer geklettert waren. Viele Menschen waren immer noch auf den Straßen an diesem lauen Herbstabend. Es war eine wunderbare Stimmung. Langsam wurde auch ich euphorisch. Am Samstag dann, der auch schulpflichtig war, waren die Klassen schon wieder gefüllter. Statt Schulranzen kamen alle mit bunt bedruckten Plastiktüten aus dem Westen. Diese Art von Tüten waren eigentlich in Schulen verboten, weil sie doch Sympathie mit dem kapitalistischen Staatsfeind signalisierten. Doch plötzlich war alles anders – ein Wertevakuum.  Statt zu unterrichten, hörte ich mir die vielen Erlebnisse meiner Mitschüler*innen an und war begeistert und berührt von dem, was auf einmal mit wildfremden Wessis möglich schien. Also holten wir uns bei den zuständigen Behörden einen Stempel und Samstagnachmittag fuhren dann auch wir endlich rüber nach Westberlin. Dort bekam jeder DDR- Bürger nach Vorzeigen dieses Stempels 100 D-Mark Begrüßungsgeld. Ich war im 5. Monat schwanger und hatte gerade ständigen Appetit auf Joghurt. Im Vergleich zu den 2 Joghurtsorten, die es in den Kaufhallen gab, konnte ich nun zwischen 20 Sorten wählen. Ich war im Joghurtparadies. Joghurt waren meine Bananen und so investierte ich das meiste Westgeld in Milchprodukte von Ehrmann bis Zott. Die folgenden Wochen waren gefüllt mit vielen schönen Erlebnissen, auch unsere Freunde konnten wir nun offiziell im Westen besuchen. Bekannte von uns bekamen von Westberlinern einen komplett zur Currywurstbude umgestalteten Wohnwagen geschenkt, einfach aus Freude über den Mauerfall. An den folgenden Wochenenden waren wir mehr unterwegs als je zuvor. Ständig gab es unkonventionelle, kreative politische Veranstaltungen. Die Umgestaltung der DDR schien jetzt wirklich möglich. Wir wollten dabei sein.

Komplexer Wandel

Der 9. November 1989 war der Auslöser von so vielen Entwicklungen, deren Folgen natürlich zum damaligen Zeitpunkt niemand absehen konnte. Aus der neuen DDR wurde nichts.

Obwohl es für viele Bereiche Ideen und Pläne für eine nachhaltige Umgestaltung der DDR gab, konnten sich diese nicht durchsetzen. Ein vom Runden Tisch erarbeiteter Verfassungsentwurf blieb ohne konstitutionelle Folgen. 40 Jahre mussten Entscheidungen erst von der Partei sowie von der Sowjetunion abgesegnet werden. Innovation traf meist auf Widerstand und wurde ausgebremst. Nur im Untergrund gab es eine Bewegung, geführt von Intellektuellen und Künstlern, die aufklärten und für eine Umgestaltung sensibilisierten. Die seit 1977 verfolgte Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik führte zur nicht lösbaren Konkurrenz verschiedener Ziele und war der Anfang vom Ende der DDR. An oberster Stelle standen die Beibehaltung bzw. Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung bei gleichzeitiger Vernachlässigung von Investitionen in die Wirtschaft. Diese Politik brachte die Volkswirtschaft in eine prekäre Lage. Zu lange hatte die DDR über ihre Verhältnisse gelebt. Nicht gerade eine gute Verhandlungsposition. Das Experiment des real existierenden Sozialismus hatte nicht funktioniert. Das wurde immer offensichtlicher und führte zu einer tiefen Legitimationskrise des politischen Systems. Mit heutigem Abstand ist es für mich verständlicher, dass man sich in so einem Moment an der im Vergleich dazu besser funktionierenden kapitalistischen Marktwirtschaft orientierte und blenden ließ. Es begann die sehr komplexe Umwandlung, letztlich Abwicklung der ehemaligen DDR. Innerhalb eines knappen Jahres wurde in unzähligen Sitzungen der Wiedervereinigungsvertrag erarbeitet. Nur wenige Berufsgruppen, wie z.B. Patentanwälte des Ostens, konnten sich ihre Abschlüsse, Zertifikate, den Arbeitsstatus auch für die Zeit des vereinten Deutschlands sichern und ab dem 3. Oktober 1990 in den neuen und alten Bundesländern arbeiten.

Andere Berufsgruppen, darunter Lehrer*innen wie ich, wurden zurückgestuft mit ihrem Abschluss, mussten das 2. Staatsexamen nachholen bzw. neu studieren. Millionen von Menschen waren beruflich und privat plötzlich in der Lernzone, mussten sich beruflich neu orientieren und mit veränderten Bedingungen zurechtkommen. Lebenspläne waren auf einen Schlag unbrauchbar oder wertlos bei andauernder Unsicherheit. In sämtlichen Bereichen wurden die Führungsriegen ausgetauscht. Volkseigene Betriebe wurden privatisiert. Alles, was vermeintlich keine Chance in der Marktwirtschaft hatte, wurde eingestampft. Die Arbeitslosigkeit und das Aussterben ganzer Landstriche aufgrund der Völkerwanderung in die alten Bundesländer waren der Preis, den man bereit war zu zahlen in der Hoffnung, dass nach diesem radikalen Schnitt ein Aufschwung im Osten Deutschlands kommen würde.

Als Lehrerin mitten im Umbruch

Im April 1990 kam mein Sohn zur Welt und ich genoss das sogenannte Babyjahr bei Bezug von 60 % meines Gehaltes. So etwas wie das heutige Elterngeld gab es schon zu DDR-Zeiten. Ich war erst einmal abgesichert. Februar 1991 bekam ich das Angebot, wieder zu unterrichten. Eigentlich hatte ich nicht erwartet, überhaupt jemals wieder zurück in den Schuldienst zu können. Durch die Wiedervereinigung gab es in Berlin 2000 Lehrer zu viel. Aus Angst vor Mangel nahm ich das Arbeitsangebot an. Die Marzahner Schule wurde seit der Wiedervereinigung, also seit 6 Monaten, in eine Grundschule umgewandelt. Ich fand eine völlig überforderte, unerfahrene verunsicherte Direktorin vor. Für 1000 Schüler gab noch keine klaren neuen Strukturen. Der hohe Krankenstand auf Schüler- und Lehrerseite war nur eine Folge von diesem Chaos. Die Lehrbuchverlage des Westens beschenkten Schulen mit Lehrbüchern, um sich neue Kunden zu sichern. Die Klassen waren zu voll. Die Unstetigkeit führte zu Verhaltensauffälligkeiten besonders in den 5. und 6. Klassen. Es war sehr anstrengend zu unterrichten. Schließlich wurde ich von Marzahn nach Prenzlauer Berg abgeordnet. Dort arbeitete ich erst als Hauslehrerin und später am Gymnasium. Dieser Direktor hatte seine Schule im Griff. Es gab andere Herausforderungen, etwa aus der großen Auswahl von westlichen Lehrbuchverlagen das passende Buch für das jeweilige Fach und die Klassenstufe zu finden, um danach Klassensätze zu bestellen und die Unterrichtsvorbereitung darauf abzustimmen. Geographie- und Mathebücher waren auf einmal mit bunten Bildern versehen. Für mich war es nicht so leicht, das methodisch geeignetste Buch herauszufiltern. So unterrichtete ich jedes Schuljahr nach einem anderen Lehrbuch, was einen doppelten Vorbereitungsaufwand bedeutete. Hinzu kam, dass die zu vermittelten Inhalte sich schlagartig änderten. Wir waren ab dem 3.10.1990 dem Rahmenplan des Senats von Berlin verpflichtet. Es musste viel improvisiert werden. Durch die Aberkennung bestimmter Abschlüsse durften Ostberliner nur im Ostteil der Stadt unterrichten. Westberliner dagegen in der ganzen Stadt. Solche Westkollegen wurden an den Schulen von Lehrern und Schülern mit äußerster Skepsis betrachtet. Wir sammelten eher Beweise für das Klischee der braungebrannten, inkompetenten Karteikartenzieher und bekamen natürlich meistens Recht. So blieben Ossis meist unter sich.

Aufbruch in andere Welten

Meine Meinung über Wessis änderte sich erst durch die Musik. Für unsere Band suchten wir eine Pianistin und inserierten kostenlos in einer für uns noch unvertrauten Zeitung: Zweite Hand. Wie sich später herausstellte, war das die falsche Zeitung für unser Anliegen, aber wir kannten uns eben noch nicht aus. Es meldete sich genau 1 Person aus Bonn, die gerade nach Berlin gezogen war, um Jazz an der HdK zu studieren. Daher kannte sie sich auch nicht aus und suchte in der falschen Zeitung. So wie es war, so sollte es sein, denn sie wurde unsere Pianistin und meine erste Wessifreundin. Auch als junge Musiker*innen mussten wir uns völlig neu orientieren. Durch sie lernte ich viele tolle Westdeutsche kennen.

Die Teilnahme an einem dreitägigen Coachingseminar in Berlin 1994 war der Beginn meiner persönlichen und beruflichen Transformation, die Weichenstellung für meine Zukunft. Denn dadurch begegnete ich nun vielen wunderbaren Wessis aus ganz Deutschland und meinem bis heute beruflich und freundschaftlich wichtigsten Netzwerk. Ich verstand, wie wir zwar nicht immer beeinflussen können, was uns widerfährt, doch immer die Entscheidungsfreiheit haben, wie wir damit umgehen. Das gab mir verlorene Selbstsicherheit, Zuversicht und Gestaltungsmacht zurück. 1996 lernte ich Alexandra Schwarz Schilling, meine heutige Geschäftspartnerin und engste Freundin kennen. Seitdem gehen wir gemeinsam. Wir führen gewissermaßen eine Mischehe zwischen Ost und West, die ohne den Mauerfall unmöglich gewesen wäre und für dieses Geschenk bin ich immer wieder dankbar.

 

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