Mauern, Grenzen und Werte

4. Jul, 2019

Daniela Pönisch | Autorin

Dieses Wochenende hatte ich Besuch von meinen Freundinnen Ceci aus Italien und Amandine aus Frankreich. Beide sind etwa so alt wie ich, ich habe sie in England kennengelernt, wo ich mit 30 zweieinhalb Jahre meines Lebens verbracht habe. Mittlerweile lebt nur noch Ceci in London, Amandine in Paris, ich in Berlin. Alle sechs Monate treffen wir uns in einer Hauptstadt, um uns zu sehen. Wir fühlen uns sehr europäisch.

Auf meinem Plan für meine Freundinnen stand das Mauer-Panorama von Yadegar Asisi zum geteilten Berlin und damit verbunden eine Zeitreise in die 1980er Jahre, in denen ich geboren bin. Auf einem 270° Rundbild, 15 Meter hoch und 60 Meter breit, ist eine alltägliche Szene an einem Herbsttag in Kreuzberg dargestellt, mit Blick auf beide Seiten der Mauer. Man sieht graue und unsanierte Häuserfassaden, spielende Kinder, einen Aussichtspunkt für die Westler mit Blick auf den Grenzstreifen und das dahinterliegende Ost-Berlin, Graffiti-Maler oder Betrunkene an einer Currywurstbude in West-Berlin. DDR-Grenzsoldaten gehen ihren Kontrollen im Grenzstreifen nach und beobachten aus den Wachtürmen das Leben im Westteil der Stadt.

Als ich auf der vier Meter hohen Plattform in der Mitte der Stahlrotunde stehe, kommen mir die Tränen. Ich habe mich schon viel mit der Geschichte meiner Familie beschäftigt, dennoch überrollen mich hier plötzlich die Emotionen.

Meine Eltern sind in der DDR aufgewachsen, in einer Kleinstadt nördlich von Berlin. Meine Mutter war 23 Jahre alt, als ich geboren wurde, mein Vater 25. Jeweils zwei Jahre später kamen meine beiden Schwestern zur Welt. Meine Mutter war Lehrerin in einer kleinen Grundschule in unserer Stadt, wenig später Direktorin, mein Vater arbeitete als Ingenieur beim Lokomotivbau Elektrotechnische Werke (LEW) ebenfalls in unserer Stadt. Meine Eltern waren politisch nicht engagiert, sie haben sich an die Verhältnisse angepasst und im Rahmen ihrer Realität ein normales Leben geführt. Mein Vater glaubte an die sozialistischen Ideale, tut es heute immer noch. Ich habe wenig Erinnerungen an diese Zeit, erinnere mich vage an Fahnenapelle, das kleine hellblaue Papierheftchen mit den zehn Geboten der Jungpioniere, an strenge Erzieherinnen in der Schule, aber nicht viel mehr.

Als ich 8 war, in der zweiten Klasse, fiel die Mauer. Mein Vater war 33, meine Mutter 31. Ich bin heute 38. Wäre ich in der Situation meiner Eltern, hätte sich mein Leben vor fünf bzw. sieben Jahren krass verändert, hätte ein gesellschaftlicher Umbruch meine Lebenssituation fundamental erschüttert.

Ich glaube nicht an die Ideale der DDR. Und trotzdem. Wie muss es sein, wenn das, woran man glaubt, auf einmal nicht mehr existiert? Nicht mehr existieren darf? Wenn das Fundament, auf dem seine Überzeugungen basieren, gesellschaftlich nicht mehr anerkannt ist? Nicht mehr gilt? Keine Orientierung mehr bietet? Wie muss es sein, sich als junges Paar mit Kindern auf eine neue Welt einzustellen?

Die Lokomotivwerke werden umstrukturiert, mein Vater verliert seine Stelle und die Perspektive, sich im Werk zu entwickeln. Er entscheidet sich für ein Angebot bei einem Automobilhersteller in der Schweiz, arbeitet dort drei Jahre und kommt alle paar Wochen nach Hause. Meine Mutter bewältigt drei kleine Kinder, das Haus und den Job. 1993 schließt die Firma in der Schweiz, mein Vater kehrt zurück, findet keinen Anschluss, wird mehrere Jahre arbeitslos.

Unsere Geschichte und ihre Implikationen sind mir sehr vertraut. Warum berührt es mich heute so?

Der Blick auf die Mauer bewegt etwas in mir. Von Menschen erdacht, geplant und händisch errichtet, Stein für Stein, in einer Nacht. So zeigen es Videos im Vorraum der Ausstellung. Wie viele Menschen waren es wohl, die dort im Büro saßen beim entscheidenden Beschluss darüber, eine Mauer zu bauen, quer durch ein Land durch ein- und dasselbe Volk? Eine wahrhaftige Mauer, man kann sie anfassen, ertasten, an ihr hochspringen. Eine physische Mauer bestimmt darüber, wo eine Lebenswelt beginnt und bis wohin sie reicht. Welche Anmaßung! Welche Gewalt über den Menschen! Welche Ungerechtigkeit!

Die Mauer schafft verschiedene Lebensrealitäten sowohl im Osten als auch im Westen des Landes und erst recht in Berlin, wo die Bevölkerung die Normalität einer geteilten Stadt täglich lebt.

Politisch gesehen ist sie ein lebendiges Symbol machtpolitischer Rivalität zwischen den USA und der UdSSR sowie dem weltanschaulichen Gegensatz von Kommunismus und westlicher Demokratie. Sie wurde errichtet, um Menschen davon abzuhalten, die russische Besatzungszone zu verlassen, von machthungrigen deutschen Politikern. Im Einverständnis mit der Sowjetunion wurde so die letzte Möglichkeit verhindert, der SED-Diktatur noch zu entkommen.

In Nordamerika wird gerade auch eine Mauer gebaut. Angeblich, um Mexikaner daran zu hindern, in das Land einzureisen. Wer sagt, dass die Mauer nicht auch dazu dient, Menschen im Inneren des Landes zu halten? Sie einzugrenzen? Ihre Lebensrealität zu kontrollieren? Gesteuert von der Macht derjenigen, die sie haben.

All das geht mir durch den Kopf, während ich auf der Rotunde stehe. Mauern sind Grenzen. Es darf keine Mauern geben. Menschen müssen frei sein dürfen.

Als Mensch tragen wir unsere Werte durch unser ganzes Leben, sie bilden das Fundament für wichtige Entscheidungen, das Miteinander, die Partnerwahl, die Lebensgestaltung.

Wo ich als Mensch geboren werde, darauf habe ich keinen Einfluss. Jemand hat eine Mauer gebaut und mein Leben dadurch fundamental beeinflusst. Eine Mauer hat darüber bestimmt, in welcher Wertewelt ich aufwachse und welche politischen, gesellschaftlichen und sozialen Normen mir von Eltern und anderen Vorbildern mit auf den Weg gegeben werden, damit ich im Leben erfolgreich bin. Das anerkenne und wertschätze ich. Eine Wahl darüber hatte ich nicht.

Durch den persönlichen Prozess im Rahmen der Coachingausbildung und andere Formen der Selbsterkenntnis, die ich immer wieder aktiv suche, ist mir heute bewusst, welche Werte mich prägen und leiten, ich kann sie zuordnen, manche überdenken, mich für sie entscheiden.

Mein Leben ist frei, ich kann bestimmen, wie ich mich entwickeln möchte. Ich habe die Wahl und übernehme die Verantwortung. Mit einer Mauer wäre das schwieriger.

Lasst uns keine Mauern bauen!

 

https://www.asisi.de/panorama/die-mauer/

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