Wenn Facebook seinen User*innen gehören würde

2. Mai, 2019

Katharina Hemmers | Autorin

New Work. Was ist sinnhafte Arbeit?
Begriffe wie „New Work“ und alternative Formen von Arbeit sind in aller Munde. Mitarbeiter*innen und Unternehmer*innen fordern eine sinnvollere Arbeitskultur, mehr Mitbestimmung und Eigenverantwortung. Die individuelle und kollektive Suche nach „dem Sinn“ beim Thema Arbeit nimmt zu. Jobbörsen wir Talents4good und tbd (Jobbörsen für nachhaltige, sinnhafte Jobs) verzeichnen immer größere Nutzer*innenzahlen. Unternehmen tun alles, um ihre Mitarbeiter*innen zu halten oder Neue zu gewinnen. Riesenkonzerne werben mit vielfachen Entfaltungsmöglichkeiten, der Arbeitsplatz wird zum Ort der Selbstverwirklichung.

Aber häufig dient die Arbeit der Mitarbeiter*innen in letzter Konsequenz nur der Profitmaximierung des Unternehmens, den Shareholder*innen (Anteilseigner*innen) und „absentee owners“. Investoren und Menschen, die Stimmrechte am Unternehmen halten, aber nicht selbst in der Firma tätig sind. Sie treffen Entscheidungen anhand von Zahlen und nicht auf Grundlage ihres Gewissens und Empathie. Sie erleben nicht, wie sich ihre Entscheidungen auf die Mitarbeiter*innen, Kund*innen und Geschäftspartner*innen auswirken. Dies ist eine gängige Eigentumsform in Unternehmen, vor allem bei großen Konzernen und Start-ups. Aber widerspricht sich das nicht? Der Sehnsucht nach sinnerfüllter Arbeit und die auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Unternehmensform?

Es ist von Psycholog*innen nachweislich belegt: Was Menschen maßgeblich antreibt, ist der Sinn der Arbeit. Wie können Firmen also einen nachhaltigen Sinn in der DNA ihres Unternehmens hinterlegen und dort belassen, der für Mitarbeiter*innen glaubwürdig und motivierend ist? Um den Sinn nachhaltig und langfristig in das Unternehmen zu integrieren, ist ein neues „Betriebssystem“ notwendig. Menschen, die der Mission eines Unternehmens dienen, sollten im besten Falle dessen Eigentümer*innen sein.
Ein alternatives Modell, das wir in unserem heutigen Blogartikel vorstellen wollen, nennt sich „Verantwortungseigentum“. Verantwortungseigentum möchte Unternehmer*innen dazu aufrufen, das Wirtschaftssystem von innen heraus zu verändern und nicht darauf zu hoffen, bis politische Regeln den Markt regulieren. Was bedeutet das?

Verantwortungseigentum und die Purpose-Stiftung
Verantwortungseigentum ist ein neues und gleichzeitig altes Verständnis von Eigentum. Neu, weil es gerade wieder reanimiert wird, alt, weil es schon in 1890er Jahren Firmen gab, die als Stiftungen fungiert haben und nicht verkäuflich waren. Verantwortungseigentum lässt sich mit Hilfe von verschiedenen Rechtsformen und Eigentümerstrukturen umsetzen. Im Vergleich zu klassischen Unternehmensformen wie AG, Konzern, Start-up und Genossenschaft, kann ein Unternehmen mit Verantwortungseigentum nicht verkauft werden, sondern gehört sich selbst. Dabei kann die Rechtsform (z. B. GmbH) erhalten bleiben, wird aber unverkäuflich, damit die Verantwortung im Unternehmern bleibt und nicht an eine Person, die abwesend ist oder den Unternehmenswert nicht mit aufgebaut hat, verkauft wird. Die Firma gehört sich selbst! Jemand, der sich darüber viele Gedanken macht, ist Armin Steuernagel, Mitgründer der Purpose-Stiftung und selbst Unternehmer zweier Firmen. Die Purpose-Stiftung wirbt für Verantwortungseigentum und unterstützt Unternehmen, dabei dies umzusetzen und ein für sie passendes Modell zu finden.

Verantwortungseigentum folgt zwei Grundsätzen¹:
Grundsatz I: Gewinn = Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck
Während der weithin verbreitete Ansatz die Gewinnmaximierung als Mission und Zweck des Unternehmens definiert, liefert der Purpose-Ansatz hier eine Alternative: Der Sinn des Unternehmens steht an erster Stelle.
Gewinne werden reinvestiert. Purpose-Unternehmen können nicht als Spekulationsgut behandelt und meistbietend verkauft werden.
Eigentümer*innen können keine Gewinne entnehmen. Mitarbeiter*innen arbeiten somit nicht für die „Tasche“ der Eigentümer*innen, sondern für den inhärenten Sinn; sollten die Eigentümer*innen das Unternehmen verlassen, bleibt das Unternehmen im Besitz der Mitarbeiter*innen bzw. des neuen Verantwortungseigentümers. Dieser ist intrinsisch motiviert und erhält ein Gehalt. Statt Gewinnmaximierung gilt Sinnmaximierung. Dieser Ansatz ist auch für traditionelle Familienunternehmen in Umbruchsphasen interessant.

Grundsatz II: Unternehmerschaft = Eigentümerschaft
Heute werden signifikante und weitreichende Entscheidungen in Konzernen oder auch Start-ups häufig von anonymen Investoren oder Menschen, die nicht aktiv im Unternehmen Verantwortung übernehmen, getroffen. So entsteht strukturelle Verantwortungslosigkeit und schafft Unternehmen ohne soziale Verantwortung. Auch hier bietet der Purpose-Ansatz eine einfache, aber grundlegende Alternative: Entscheidungen werden im Unternehmen getroffen und ausgeführt. Dadurch bleibt die Verantwortung im Unternehmen.

Die „Eigentümer*innen“ großer Konzerne sind provokant gesagt, teilweise Computeralgorithmen, die entscheiden, wann welche Anteile verkauft werden und welche Richtung ein Unternehmen einschlägt.
Was das mit den Mitarbeiter*innen macht und mit der kollektiven Einstellung zu Arbei, ist offensichtlich (Burnout, Angst vor Kündigung, fehlendes Vertrauen in Führungskräfte etc.) und nährt gleichzeitig die Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit. Verantwortungseigentum gibt dem Wort Eigentum seine ursprüngliche Bedeutung zurück: EIGEN-tum, also Eigen und nicht Fremd! Eigentum soll also nicht aus Fremdeigentümern bestehen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes aus „Eigen“-Eigentümern, so die Idee der Purpose-Stiftung.

Dafür biete die Purpose Stiftung verschiedene Modelle. Sie selbst agiert bei einigen Modellen als Kontrollinstanz, sie hat eine Vetostimme. Sollte ein(e) Unternehmer*in das Unternehmen doch verkaufen wollen, kann die Purpose-Stiftung ihr Veto einlegen. Sie bekommt kein Geld und hat keine Mitbestimmung, sondern kann nur im Falle einer Veräußerung ein Veto einlegen. Somit kann die Satzung des Unternehmens nicht beliebig verändert werden und das Unternehmen kann nicht meistbietend verkauft werden.
Armin Steuernagel von der Purpose-Stiftung:

„80 Prozent der Menschen haben heute innerlich gekündigt und machen nur Dienst nach Vorschrift, weil sie einen Großteil ihrer Lebenszeit in Unternehmen verbringen, die von anonymen Märkten und Algorithmen bestimmt werden. Stattdessen können sie für ein Unternehmen arbeiten, bei dem sie mit Leidenschaft dabei sein können und sagen können: Dafür ist es sinnvoll, zu arbeiten. Und eben nicht für den zehnten Porsche eines Shareholders in Hong Kong.“²

Unternehmen mit Verantwortungseigentum haben nachweislich langfristig genauso hohe Profite, ihre Innovationskraft steigt, da ein Großteil der Einnahmen in Forschung und Entwicklung investiert wird, die Mitarbeiter*innen länger bleiben. Die pure Wertsteigerung ist nicht mehr der Motor des Unternehmens. Die Produktivität und Mitarbeiterbindung nimmt zu, Mitarbeiter*innen verfügen über eine höhere Arbeitsplatzsicherheit, einen besseren Lohn und ein größeres Mitspracherecht was im Umkehrschluss neue Mitarbeiter*innen anzieht.

Sinnhafte Unternehmen
Bisher sind es vor allem sinnhafte, nachhaltige Unternehmen, die dieses Modell wählen, aber größere Unternehmen werden folgen, da sie verstehen, dass Gewinnmaximierung allein nicht attraktiv ist, Mitarbeiter*innen nicht langfristig motiviert und sie sich daher um gut ausgebildete Mitarbeiter*innen bemühen müssen. Junge Menschen setzten zunehmend auf Sinn!
Bekannte Beispiele sind Ecosia, Einhorn, Waschbär, Soulbottles, Arche Naturkost, Alnatura, Sonett, Dr. Hauschka, Bosch oder die Carl-Zeiss-Stiftung.

Was hat Verantwortungseigentum mit Coaching zu tun?
Das Paradigma Geld = Macht ist letztlich ein Glaubenssatz, der eine Realität kreiert und einen Kreislauf am Laufen hält.
Solange die Machtfrage in der Wirtschaft bedeutet: Wer Geld hat, hat am meisten Macht – die Grundgleichung des Kapitalismus -, ist das ein sehr eindimensionales Verständnis von Sinn.
Im Coaching treffen wir oft auf die individuellen Auswüchse dieser Gleichung und unterstützen Mitarbeiter*innen, Führungskräfte und andere Menschen dabei, ihre Glaubenssätze in Bezug auf Geld, Arbeit und Machtverhältnisse zu verändern, sodass andere Realitäten und Erfahrungen möglich sind. Verantwortungseigentum setzt genau dort an: Das Steuerrad des Unternehmens ist nicht mehr verkäuflich oder vererblich. Das Steuerrad liegt bei Menschen, die nicht privat davon profitieren. Das verändert, wie Mitarbeiter*innen sich selbst und die Organisation, in der sie tätig sind, erleben. Sie vertrauen wieder. Sie vertrauen, dass der Sinn der Arbeit wirklich im Vordergrund steht, sie vertrauen und leben nicht in der Annahme, das in letzter Konsequenz der Profit zählt und sie auswechselbar sind.

Der Ruf nach Glaubwürdigkeit von Unternehmen wird zunehmen. Wenn wir eine „freie Marktwirtschaft“ im eigentlichen Sinne etablieren, können wir uns wirklich frei fühlen, dann können wir Ja sagen zu Strukturen, die wir selbst geschaffen haben und die für UNS Sinn machen.

Links:
1. Purpose Stiftung
2. Waschbär Magazin – Interview mit Armin Steuernagel

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