Auf der Suche nach dem verlorenen Zeitgefühl

3. Jun, 2020

Julia Janssen | Autorin

In den letzten Wochen bekamen wir alle plötzlich viel Zeit geschenkt – viel Zeit mit uns selbst. Doch diese besondere Zeit war für viele von uns zäh und noch schwieriger zu greifen als sonst – auch für mich. Manchmal fühlte sich alles an wie früher, wie ein Sonntag, an dem man niemanden treffen dürfte. Ich kann mich ganz gut an dieses Gefühl erinnern. Sonntag ist Familientag und es wird sich nicht verabredet.

Ich selbst bin recht glücklich über die geschenkte Zeit. Ein verordnetes Innehalten, ein Konzentrieren auf mich selbst und meine Familie. Ich konnte viele schöne und innige Erfahrungen mit meinen Liebsten machen. Für meine Kinder ist die geschenkte Zeit allerdings manchmal fast zu viel gemeinsame Zeit. Und ohne Absprachen und richtige Struktur ist ein so intensives Miteinander in Ausnahmezeiten eine Herausforderung für alle. Häufig ist das Handy die scheinbar einzige und willkommenste Möglichkeit, dieser Enge zu entfliehen. Manchmal kracht’s dann aber auch daheim, eben genau dann, wenn die Nutzung der elektronischen Zeitfresser überhandnimmt. Doch sind es nicht nur die Kinder, auch wir Erwachsenen können mit geschenkter Zeit nicht immer sofort produktiver, kreativer, phantasievoller oder ambitionierter umgehen.

Geschenkte Zeit fühlt sich anders an

Mehr Zeit haben, wollten wir das nicht immer? Aber eben nicht so! Wie oft haben wir schon die Antwort „mehr Zeit“ auf die Frage nach ultimativem Luxus und Wunsch gehört?
Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass vermeintlich alles Aufgeschobene erledigt zu sein scheint. Wir alle hatten genügend Zeit aufzuräumen und auszumisten: die Schubladen, den Kleiderschrank, die Garage, den Keller. Viele Menschen haben auch mehr Zeit draußen verbracht, auf ihren Balkonen und in ihren Gärten oder auch im Park. Oft genug habe ich trotzdem das Gefühl meine Zeit schwer greifen zu können und nicht genug zu nutzen.

Die Rolle als Frau – Zeit für FrauSein

Einen wichtigen Aspekt beleuchtet diese außergewöhnliche Zeit und zeigt, was nicht wirklich klappt und beängstigend ist. Steigende Zahlen der Fälle häuslicher Gewalt sind ein Beispiel. Aber auch die klassische Rolle als Frau und Mutter, in die viele Frauen jetzt unfreiwillig mehr gedrängt sind, zeigt, wie wichtig es ist, sich zu Fragen stellen, wie wir unser FrauSein in Zukunft leben wollen.

Meine Freundin mit zwei kleinen Kindern ist nach fast drei Monaten Dauereinsatz ziemlich erschöpft und fühlt sich wie in die 50er Jahre zurückgeworfen. Auch in ihrer Partnerschaft fühlt sie sich nicht mehr gleichwertig und ist über diesen Zustand sehr wütend. So hat sie sich ihr Leben nicht vorgestellt. Ihre mühsam erarbeitete Emanzipation hat sich bei ihr in den letzten Wochen und Monaten in einem schleichenden Prozess zurückentwickelt. Die Ausnahmesituation hat diesen Prozess befördert. Wut ist zum Glück produktiver als Frustration und Depression. Sie wünscht sich ein weibliches Kollektiv, das aufsteht und sagt:“ So nicht! Wenn wir das nicht einmal in unseren kleinen Familienkontexten schaffen, dann funktioniert das auch nicht in groß.“ Also ist sie natürlich auch wütend auf sich, weil sie rummeckert und nichts ändert.

Innehalten, Umkreisen und Umrunden

Wie steht es um uns selbst? Wie sieht unser Innenleben aus? Tun wir jetzt das, was wir schon immer tun wollten, weil wir doch endlich Zeit genug haben? Oder tun wir jetzt etwas ganz anderes? Ich war gerade dabei, mich auf meinem neuen Weg einzurichten, für den ich vor einiger Zeit das Fundament gelegt hatte. Der Lockdown hat alles erst einmal unterbrochen und ins Stocken gebracht. Mir kommt diese Zeit vor wie eine überdimensionale große kollektive Unterbrechung. Neben den Ängsten und Sorgen, die diese Unterbrechung mit sich bringt, kann diese auch der Nährboden für Veränderung sein. Und ich habe tatsächlich neue Möglichkeiten für mich erschlossen, die ich vorher nicht für möglich gehalten habe.

Der Lockdown als positive Unterbrechung, um Altes zu schätzen und Neues mit in die kommende Zeit zu nehmen und darüber hinaus neues Potential zu entfalten? Das klingt doch eigentlich ganz gut.

Den Begriff Unterbrechung habe ich erstmals während meiner Coaching Ausbildung genauer untersucht. Im systemischen Coachingkontext sind mit Unterbrechungen unerwartete Erlebnisse oder Erfahrungen aus der eigenen Vergangenheit gemeint, die uns prägen und bestimmte Überzeugungen in unserem Körper etabliert haben, auf die wir unbewusst automatisiert zurückgreifen. Und genau diese können unser selbstbestimmtes Handeln hindern beziehungsweise stark beeinflussen oder einfach nur Erklärung dafür sein, warum bestimmte Dinge so sind. Meine eigenen Unterbrechungen zu erkennen und meine daraus resultierenden Verhaltensmuster zu verstehen hat meinen Erkenntnisprozess unterstützt.

Schlechte Zeiten und gute Werte

Mir kommt die neue Zeit manchmal auch seltsam vor. Das Gefühl und der Wunsch sind: Man möchte und muss zugleich in seinen gewohnten oder neuen Alltag zurück, aber es geht irgendwie nicht so richtig. Es gab Tage, die waren zäh und unausgefüllt. Andere waren so vollgepackt, dass ich abends froh war, wenn ich erschöpft ins Bett fallen konnte. Es scheint ein ungreifbarer Schwebezustand zu sein.

Eine meiner Töchter hat die veränderte Zeit als große Herausforderung und fast schon Strafe empfunden, sich nicht mehr uneingeschränkt im gewohnten sozialen Umfeld bewegen zu können. Umso größer und freudiger nimmt sie die Lockerungen wahr. Auf die Frage, was meine andere Tochter für sich aus der schwierigen Zeit mitnimmt, sind es die Werte Gemeinsamkeit, Ruhe und Natur, die für sie mehr Wertschätzung gewonnen haben. Gemeinsame Zeit, Rituale, klarer formulierte Bedürfnisse, all dies möchte sie in Zukunft mehr in ihren Alltag integrieren. Konsum und Luxus sind ihr nicht wichtig, am meisten zählen Gesundheit, Familie und Freunde. Also höre ich da viel Klarheit und Erkenntnis heraus, auch wenn die Wochen und Monate sehr anstrengend waren.

Ich habe mich mit meinen Freundinnen ausgetauscht und festgestellt, dass alle mit der Zeit gekämpft haben oder immer noch kämpfen. Einige sind hinter ihren eigenen Erwartungen geblieben, andere haben neues Bewusstsein und Klarheit gewonnen und starten tatsächlich in ihr „neues Leben“.

Und ist diese Zeit für mich Anlass genug, um etwas zu verändern? Sie ist definitiv eine Chance umzudenken, neu zu denken. Altes ziehen zu lassen und endlich selbst das Zepter in die Hand zu nehmen. Bisher war es so, dass ich immer dachte, wenn ich erst richtig Zeit für mich habe, dann kann ich endlich dieses und jenes machen. Aber gemacht habe ich es mit der geschenkten Zeit schließlich doch nicht. Also muss mich ja irgendetwas davon abgehalten haben. Dem möchte ich noch mal genauer nachgehen, das habe ich mir vorgenommen.

Was nehme ich mit? Ich möchte das neu Erlernte und Bewusste hinüber retten in die neue Zeit. Das ist doch schon einmal der nächste wichtige Schritt.

 Unsere Zukunft – ein Ausblick

Die letzten Monate haben gezeigt, dass Zuversicht und Planungssicherheit etwas ins Wanken geraten sind. Man kann jetzt im Juni 2020 nicht wissen, was tatsächlich im Juli sein wird. Doch das kann man ja eigentlich nie. Nur ist es uns in den letzten Wochen und Monaten sehr deutlich bewusst geworden.

Warum stelle ich all diese Fragen? Weil ich es wichtig finde, dass ich diese intensive Zeit, diese irre Phase, in die wir alle reingeworfen wurden, nicht einfach vergesse und abhake, obwohl der Wunsch danach groß und verständlich ist. Ich wünsche mir, dass ich nicht einfach da weitermache, wo ich vorher aufgehört habe, sondern wissender aus dieser seltsamen Zeit herausfinden kann! Egal, wie spät es ist!

Und mit drei Zitaten möchte ich hier meine Gedanken abschließen:

Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

***

Zum Leben gehört das Gefühl der Endlichkeit. Erst die Begrenztheit gibt einem den Impuls, den Tag zu nutzen.
Walter Jens (1923 – 2013)

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Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken. Sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, das wir bereits hinter uns haben.
Konfuzius (551 – 479 v. Chr.)

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