Das Unerreichbare als Leitstern auf unserer Reise durchs Leben

24. Nov, 2022

Saskia Sattler | Autorin

​Wie unsere Sehnsucht uns den Weg zu dem weisen kann, was und wie wir eigentlich leben wollen

Wer kennt es nicht, dieses innere, ja manchmal sogar schmerzliche Verlangen nach einer Person, einer Sache, einem Zustand, einem Gefühl oder einem Erleben? Manchmal ist dieses Sich-Verzehren so stark, dass wir an nichts anderes mehr denken können oder das Gefühl haben, beinahe willenlos und fremdgesteuert zu sein. In diesem Fall erscheint es uns möglicherweise so, als können wir gar nicht anders, als unser Handeln auf die Befriedigung unserer Sehnsucht auszurichten, nur um den inneren Qualen des Verlangens endlich ein Ende zu bereiten.

Vielleicht geht es einigen von euch manchmal wie mir mit einem Stück Schokolade. Beinahe wie aus dem Nichts bekomme ich Lust auf Schokolade, in freudvoller Erregung erschafft mein Gehirn ein wahre mentale Sinnesexplosion. Es gibt Momente, in denen jeglicher Versuch, den Gedanken wegzuschieben und dem Verlangen Einhalt zu gebieten, scheitern. Mein Körper will Schokolade[1]. Ende der Diskussion. Von Zeit zu Zeit lenke ich bewusst ein und begebe mich auf die Suche nach der heißersehnten Schokolade. Voller Vorfreude auf die Erfüllung meiner Begierde packe ich die Schokolade aus, beiße genussvoll hinein und bin – häufig – enttäuscht. Keine Geschmacksexplosion, kein Gefühl der Fülle, keine Erfüllung meiner Sehnsucht. Obwohl ich das bekommen habe, was ich wollte, bin ich nicht zufrieden. War es die falsche Schokolade? Waren meine Erwartungen zu hoch? Hatte ich gar keine Lust auf Schokolade und habe das Gefühl falsch gedeutet?

Ja und Nein wäre aus psychologischer Perspektive zum aktuellen Zeitpunkt die Antwort auf diese Fragen. Denn wie ein Forschungsteam unter der Leitung des ehemaligen Direktors des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin Paul B. Baltes in empirischen Untersuchungen herausgefunden hat, ist Sehnsucht ein ziemlich komplexes Phänomen unserer Psyche, das sich nach Ansicht der Forscher:innen auf sechs Merkmale herunterbrechen lässt:

  1. Jeder Mensch hat eine persönliche Vorstellung vom perfekten Leben. Die Definition von „perfekt“ und den damit verknüpften Assoziationen ist dabei zutiefst individuell.
  2. Gleichzeitig ist uns Menschen bewusst, dass es sich bei dieser Vorstellung eines perfekten Lebens um eine Utopie handelt und unser Leben daher stets nie ganz vollkommen, fertig oder eben perfekt sein kann.
  3. Sehnsucht ist nicht an einen bestimmten Zeitpunkt geknüpft, sondern umfasst stets Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
    Möglicherweise, so könnte ich es mir vorstellen, ist dies auch der Grund, weshalb wir das Gefühl haben, dass uns unsere Sehnsucht förmlich beherrscht und aufsaugt.
  4. Das Gefühl der Sehnsucht ist von Ambivalenz geprägt. Einerseits erfüllt uns die Vorstellung vom Ersehnten mit Glück und Zufriedenheit, andererseits zieht uns das unterschwellige Wissen um die Unerreichbarkeit bzw. Unstillbarkeit unseres Verlangens runter und macht uns traurig.
  5. Sich nach etwas zu sehnen, kann uns darüber hinaus in unserem Reflexionsprozess über uns und unseren bisherigen Lebensweg unterstützen.
  6. Sehnsüchte, einige ahnen es vielleicht schon, symbolisieren meist einen Zustand oder einen Wert wie zum Beispiel Zugehörigkeit oder Harmonie.

Wozu können wir also dieses ambivalente Gefühl der Sehnsucht nutzen, das uns stets die Unvollkommenheit unseres Lebens und die Unerreichbarkeit unserer Träume vor Augen führt?

Baltes et al. zufolge kann uns Sehnsucht in zweierlei Art dienlich sein: Zum einen ermöglicht uns dieses Gefühl – wenn auch nur für eine kurze Zeit – in unserer Vorstellung vom perfekten Leben zu schwelgen. Denken wir nur an das Beispiel der Schokolade – im Grunde war es die Vorstellung des perfekten Stückchens Schokolade, das den größten Glücksmoment erzeugt hat. Zum anderen kann uns die Sehnsucht in der künftigen Ausrichtung unseres Lebens unterstützen. Was ist mir besonders wichtig? Was möchte ich erleben? Wie möchte ich mich fühlen? Wohin oder zu wem zieht es mich?

Das Wissen um die Unerreichbarkeit des perfekten Lebens und das gleichzeitige Streben danach ist also im Gefühl der Sehnsucht vereint. Wenn wir uns diesen Umstand bewusst machen, können wir einerseits ein innerliches Bild, eine Art Manifestation von dem erschaffen, was wir (er-)leben wollen, und andererseits unsere Sehnsucht in einen Leitstern verwandeln, den wir auf der Reise durchs Leben zur Orientierung nutzen können.

Quelle: Scheibe, S., Freund, A. M., & Baltes, P. B. (2007). Toward a developmental psychology of Sehnsucht (life longings): The optimal (utopian) life. Developmental Psychology, 43, 778–795.

[1] An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass diese Lust auf Süßes manchmal durch biochemische Prozesse ausgelöst wird und ein Signal des Körpers ist, Energie in Form von Zucker aufzunehmen.

  

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