Das weibliche Prinzip

9. Jun, 2009

Einen Rahmen schaffen, indem Menschen sich entwickeln können

Die Dominanz des männlichen Prinzips in den globalen Strukturen und Institutionen gefährdet unsere Wirtschaft, aber nicht nur das: Sie zerstört langfristig auch unsere Lebensgrundlage. Wir alle ahnen, dass uns die wirklichen Krisen erst noch bevorstehen. Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise, der Umgang mit der Pandemie und natürlich der Krieg in der Ukraine sind ein eindeutiges Signal, dass wir dringend etwas ändern sollten.

In der Finanz- und Wirtschaftswelt wird es sicherlich wieder aufwärtsgehen. Werden wir daraus gelernt haben, bevor uns noch mehr Katastrophen ereilen werden? Wenn wir ehrlich sind, es sieht nicht so aus. Die Zerstörung der Regenwälder geht ungehindert weiter, trotz getroffener internationaler Vereinbarungen. Tatsächlich nimmt das Tempo der Abholzung sogar zu. Wenn wir so weitermachen – was wir tun, weil keiner die illegalen Rodungen stoppt – hat sich das brasilianische und südostasiatische Tropengebiet bald in unfruchtbare Steppe verwandelt. Zeitgleich werden die Überflutungen in anderen Teilen der Erde weiter zunehmen – selbst uns in Deutschland betrifft das mittlerweile, wie wir im Sommer 2021 erleben mussten. In wieder anderen Teilen werden sich die Wüsten weiter ausbreiten. Flüchtlingsströme, Seuchen, Pandemien und politische Unruhen werden die Folge sein. Niemand möchte solche unbequemen Wahrheiten hören. Wir verdrängen sie lieber. „Was hat das schon mit mir und meinem Business zu tun“, fragen Sie sich vielleicht. „Und selbst wenn, was könnte ich tun?“

Fakt ist wir leben in einer durch und durch vernetzten Welt. Seit dem Zeitalter der Globalisierung fangen wir an, das auch wahrzunehmen. Deswegen kann jede:r etwas tun und das jederzeit. Alles beeinflusst alles. Jede:r kann zunächst für sich überprüfen, welchem Prinzip er:sie verstärkt „huldigt“, dem männlichen Prinzip oder dem weiblichen Prinzip – und das unabhängig davon, ob er ein Mann oder eine Frau ist.
Das männliche Prinzip an sich ist ein wunderbares Prinzip. Es hat uns weit vorangebracht. Es geht nicht darum, es schlecht zu reden. Allein seine Dominanz hat sich verselbständigt und bringt uns jetzt zunehmend in Gefahr. Anstreben sollten wir also eine Balance beider Prinzipien. Balance bedeutet Gleichgewicht. Um dieses Gleichgewicht herzustellen, müssten wir angesichts der Dominanz des männlichen Prinzips also zunächst das weibliche Prinzip verstärken, indem wir ihm mehr Raum geben, es aufwerten und ernster nehmen. Dazu müssen wir erst einmal wissen, worum es sich denn genau handelt.

Was ist das männliche Prinzip genau? Und was ist das weibliche Prinzip genau? Die meisten Menschen haben nur eine vage klischeeartige Vorstellung, die in der Regel unvollständig ist. Tatsächlich kann man diese beiden Prinzipien am besten veranschaulichen, indem man sich anschaut, was die Körper dazu sagen:

Die Befruchtung der Eizelle

Lange Zeit wurde angenommen, dass die Samenzellen in aktiver Konkurrenz zueinanderstehen und eine Art Wettrennen zur Eizelle veranstalten. Heute wissen wir, dass das männliche Prinzip bedeutet, im Schwarm von vielen Samenzellen – also als Team – bis zur Eizelle vorzustoßen. Wir wissen außerdem, dass höchstens eine Samenzelle von der Eizelle aufgenommen wird und mit ihr verschmilzt, während alle anderen absterben. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass vor allem Zielorientierung im Zentrum des männlichen Prinzips steht. Wettbewerb und Konkurrenz sind hingegen vermeintliche beziehungsweise zugeschriebene Eigenschaften. Tatsächlich zeichnet sich das männliche Prinzip durch Kooperation aus. Zusammengefasst könnte man sagen: Das männliche Prinzip bedeutet, aktiv auf etwas zuzugehen, vorzustoßen – auch in unbekanntes Terrain – und das Ziel zu erreichen.

Das weibliche Prinzip besteht darin, sich zu öffnen, den männlichen Samen aufzunehmen, mit ihm zu verschmelzen und dann das durch Samen und Eizelle neu entstandene Leben aktiv zu nähren und ununterbrochen zu versorgen. Das Weibliche bedeutet, über den konkreten Vorgang der Befruchtung hinaus, an dem männliches und weibliches Prinzip beteiligt sind, viel Energie und Zeit aufzubringen, um das neu entstandene Wesen werden und wachsen zu lassen – im Mutterleib und darüber hinaus. Das Weibliche stellt somit Raum, Zeit und Energie zur Verfügung und ermöglicht auf diese Weise Transformation.
Der aktive Beitrag des weiblichen Prinzips an der Entstehung und Erhaltung des Lebens ist also ungleich höher als der des männlichen Prinzips. Diese Tatsache wird oft einfach übersehen. Das weibliche Prinzip besteht neben dem Öffnen, Aufnehmen und Verschmelzen darin, einen Rahmen zu bieten, in dem Menschen, Dinge, Prozesse sich entwickeln und entfalten können. Zusätzlich werden die Menschen, Dinge, Prozesse dabei mit weiblicher Energie versorgt. Sie werden genährt.
Da der männliche Beitrag zur Entstehung des Lebens vergleichsweise kurz und wesentlich weniger aufwendig ist, ist das männliche Interesse an der Erhaltung des Lebens geringer beziehungsweise wird dem Erreichen anderer Ziele untergeordnet. Die Geschichte der letzten 5.000 Jahre lehrt uns, dass vor allem Ruhm und Ehre zum Maßstab für das männliche Prinzip geworden sind. Die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen haben wir schon erwähnt.
Wichtig ist an dieser Stelle, das weibliche Prinzip in seiner Vollständigkeit zu verstehen. Oft wird das weibliche Prinzip nur reduziert wahrgenommen. Dass Raum und Zeit geben dazu gehört, ist den wenigsten Menschen bewusst. Raum und Zeit geben kann man mit „einen Rahmen“ schaffen gleichsetzen, das Nähren und Energie zuführen mit Aufmerksamkeit geben.
Prinzipiell huldigen wir alle dem „männlichen Prinzip“, wir halten es für das erfolgversprechendere Prinzip, was kurzfristig tatsächlich so aussehen mag. Für unsere Welt braucht es unserer Meinung nach die Balance beider Prinzipien, um die Welt dauerhaft im Gleichgewicht zu halten.

Wenn Sie das weibliche Prinzip in Ihrem beruflichen Alltag mehr kultivieren möchten, dann probieren Sie folgende Möglichkeiten: Geben Sie sich selbst, sowie Ihren Mitmenschen mehr Raum und Zeit, sich zu entfalten. Stellen Sie dafür Energie in Form von Aufmerksamkeit zur Verfügung.

Konkret:
• Vervierfachen Sie die Sequenz der Mitarbeiter:innengespräche und vereinbaren Sie nicht nur Ziele, sondern untersuchen Sie gemeinsam, was er oder sie brauchen würde, um sich wohl zu fühlen und inspiriert zu arbeiten.
• Führen Sie tägliche Rituale ein, die dafür sorgen, dass Sie wissen, wie es Ihren Mitarbeiter:innen und Kolleg:innen geht und was sie brauchen.
• Wenn es Konflikte untereinander gibt, dann schauen Sie nicht weg, sondern schaffen Sie einen Rahmen (Raum und Zeit und Energie), indem die Spannungen bearbeitet und aufgelöst werden können.
• Wenn Sie eine terminliche Deadline festlegen, dann überlegen Sie, ob diese Deadline alle Beteiligten unter Druck setzt oder ob sie kreatives Arbeiten zulässt. Am besten, Sie entscheiden gemeinsam über die Deadline.
• Wenn Sie der Meinung sind, dass ist alles nicht umsetzbar, dann überlegen Sie noch mal, ob Sie dem männlichen Prinzip weiter huldigen wollen oder ob Sie bereit wären, etwas Neues zu probieren.

Alexandra Schwarz-Schilling, aktualisiert im August 2022

In unserer Online-Ausbildung „Gemeinsam frei sein“ betrachten wir das Thema zwischenmenschliche Beziehungen im Kontext unserer kollektiven Geschichte. Als Teil des Modells der Polarität der Geschlechter gehen wir vertieft auf die Wirkmechanismen sowie Bedeutung des weiblichen und männlichen Prinzips ein. Das Modell stellt unsere Beziehungswelt einerseits auf den Kopf und liefert uns andererseits eine Erklärung für wiederkehrende Beziehungsfragen und -themen. In unserer Online-Ausbildung „Gemeinsam frei sein“ ergründen wir in 6 Modulen die Ursache für Beziehungskonflikte und begeben uns auf intensive Reise durch unser Leben als Individuum, als Paar und als Gemeinschaft.

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