Das Leben als Symphonie versus Leben als Ziel

3. Jun, 2019

Inspiriert wurde ich zu folgender Gedankenreise durch den u.s. Text von Alan Watts, einem britisch-amerikanischen Philosoph und Schriftsteller. Sein Verdienst ist es, in den 1960er Jahren die fernöstliche Philosophie für das westliche Publikum verständlich interpretiert und verbreitet zu haben. In seinem Text „This is it“ macht er klar, wie wir Menschen, obwohl ein Teil des Universums und der Natur, uns dennoch oft im Widerspruch zu den Gesetzmäßigkeiten dieser verhalten und der Illusion anhaften, dass dies zu zufriedenstellenden Ergebnissen führt.

Aber der Reihe nach:Watts stellt zuerst fest, dass ­­Menschen meist Ziele verfolgen und dies als Teil innerhalb eines riesigen kreisenden Universums, welches im Gegensatz dazu keinen bestimmten Zweck zu haben scheint. Obwohl man doch erwarten könnte, dass es in diesem komplexeren Kosmos viel mehr zu organisieren und zu überblicken gäbe, ist die Natur eher verspielt als absichtsvoll und funktioniert nicht nur. Die Natur produziert eigentlich immer Fülle. Wir dagegen, die wir nichts ohne Absicht tun, selbst unbewusst, verstärken die Kontraste in der Welt, z.B. den Reichtum auf der einen Halbkugel auf Kosten der anderen Halbkugel. Erst mit dem globalen Klimawandel, der nun auch bei uns angekommen ist, beginnt ein Aufwachen und Umdenken.

Ich sehe die Gratwanderung zwischen einerseits zu wissen, was man will und sich darauf auszurichten und andererseits sich nicht zu sehr auf das Ziel zu verbeißen. Wenn wir etwas unbedingt wollen und alles in die Richtung unseres Wunsches unternehmen, ist unsere positive Absicht, die Bedeutsamkeit des Wunsches und die Bereitschaft alles dafür zu tun, zu signalisieren. Es scheint uns logisch, so zu handeln, doch ist es genau das, was uns vom Erreichen des Zieles entfernt. Einfach dadurch, weil es eine widernatürliche Herangehensweise ist. Das erklärt auch, warum es nicht funktioniert, Menschen in Unternehmen über Zielgespräche zu bestimmten Ergebnissen zu drücken, einzig zu dem Zweck, immer größere Verkaufszahlen und Gewinn zu verfolgen. Es steht im Widerspruch zur Funktionsweise des Universums. Es ist der Versuch, die Kontrolle über die Ergebnisse zu bekommen und ein Armutszeugnis, wie wenig Zugang wir zu unserer Schöpferkraft haben, geschweige denn dieser vertrauen. Mit Aktionismus vergrößern wir die Probleme und verkleinern den Zugang zur Lösung.

Um das ganz andere „Vorgehen“ der Natur zu verstehen, könnten wir uns bewusst mit ihr verbinden, in dem wir uns in sie begeben. Dann wird es leichter, aus dem vermeintlichen „machen müssen“ auszusteigen und unförderliche Strategien abzulegen. Im Winter leichter gesagt als getan. Den Frühling, in dem alles wieder sprießt, die Tage wärmer und länger sind und es uns förmlich in die frische Luft zieht, können wir nutzen, einzutauchen und zu forschen, wie es ist, sich als Teil der Natur zu fühlen. Dann ergibt sich vielleicht folgerichtig eine Anpassung unseres Tuns an ihre Gesetzmäßigkeiten und Vorgehensweise. Die Natur will keine Geschäfte machen und versucht nicht, irgendetwas oder jemanden in eine bestimmte Richtung zu drängen.

Watts vergleicht die Prozesse in der Natur eher mit der Kunst des Tanzens und der Musik. „Niemand geht davon aus, dass eine Symphonie sich im Laufe ihres Spiels in ihrer Qualität verbessern sollte oder dass der einzige Zweck des Spielens das Erreichen des Finales ist.“ Sowohl der Tanz als auch der Song oder die Symphonie entfalten sich, ohne auf ein bestimmtes zukünftiges Ziel ausgerichtet zu sein. „Die Aussage der Musik wird in jedem Moment des Spielens und des Zuhörens entdeckt.“ Wenn wir den Moment des Tanzens und des Musizierens genießen, sind wir auf natürliche Weise im Zustand des Vertrauens. Ebenso ergibt sich eine Achtsamkeit für die Umgebung. Niemand möchte gerne auf einer Müllhalde tanzen. Auch der Klang von Musik entfaltet sich und ist genussvoller in einem schönen Ambiente mit guter Luft. Er schreibt weiter: „Wenn wir darin versunken sind, verbissen auf eine Verbesserung hinzuarbeiten, könnten wir gänzlich vergessen, unser Leben zu leben.Der Musiker, dessen Hauptinteresse darin besteht, jede seiner Vorstellungen besser zu machen als die vorhergehende, könnte die Anteilnahme und Freude an seiner Musik verlieren, indem er sein Publikum nur durch die ängstliche Straffheit seiner Technik zu beeindrucken sucht.“

In der Natur arbeitet auch alles zusammen. Ein Samenkorn würde ohne Wasser nicht aufgehen. Ohne die Bestäubung durch die Insekten würden sich keine Früchte bilden. Würde niemand zumindest ein Teil der Früchte verzehren, käme der Kreislauf ins Stoppen. Die Natur setzt auf Zusammenspiel und wir tun es manchmal, zum Beispiel, wenn wir zusammen tanzen oder musizieren. In solchen Momenten spüren wir die Verbundenheit miteinander. Wenn wir einem Orchester beim Spielen einer Symphonie lauschen, wäre es ziemlich verwirrend, würden wir feststellen, dass es den Musikern darum geht, so schnell und effektiv wie möglich alle Töne zu treffen, um endlich das Finale zu erreichen – als gäbe es einen Gewinn für den, der als erstes fertiggespielt hat. Hier akzeptieren und erwarten wir das Zusammenspiel auf der Bühne und jenes zwischen Musikern und Publikum. Beide schwingen gemeinsam, gehen in Resonanz und tauschen Energie aus. Diese Partnerschaft akzeptieren wir auch beim Tanzen. Wenn wir uns ganz auf solche Momente einlassen, können wir in einen Flow kommen und ungeahnte Zustände ereignen sich und Ergebnisse kommen besser, als wir uns das je vorstellen konnten.

Wann immer wir uns im Leben auf Partnerschaft einlassen, egal ob beruflich oder privat, wird uns mit großer Wahrscheinlichkeit immer im passenden Moment die nächste Entfaltungsmöglichkeit quasi zugespielt. Dies müsste sich als konsequentes Ergebnis davon ergeben, wenn wir im Einklang mit dem Universum schwingen. Es ist nicht möglich, solange wir beanspruchen, es allein machen zu müssen. Im Grunde wissen wir das, denn wir sehnen uns nach Kooperation. Wir fühlen uns hingezogen zu nahbaren Personen, die einladen oder inspirieren oder ermutigen. Dagegen gehen wir in Distanz zu Menschen, die uns mit der Straffheit und Verbissenheit ihrer Vorgaben beeindrucken wollen. Und das ist auch gut so.

                   „This is it“

Menschen verfolgen ihre Ziele innerhalb eines immensen kreisenden Universums, welches keinen bestimmten Zweck – in unserem Sinne – zu haben scheint. Die Natur ist eher verspielt als absichtsvoll, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie keine bestimmten Ziele für die Zukunft hat, muss einem nicht als Mangel erscheinen.

Im Gegenteil, die Prozesse der Natur sind viel eher zu vergleichen mit der Kunst, als mit Geschäft, Politik oder Religion. Sie sind viel mehr wie die Kunst des Tanzens und der Musik, die sich entfaltet, ohne auf ein bestimmtes zukünftiges Ziel gerichtet zu sein.

Niemand geht davon aus, dass eine Symphonie sich im Laufe ihres Spiels in ihrer Qualität verbessern sollte oder dass der einzige Zweck des Spielens das Erreichen des Finales ist. Die Aussage der Musik wird in jedem Moment des Spielens und des Zuhörens entdeckt.

Genau so scheint es mir, ist es mit dem Großteil unseres Lebens: Wenn wir darin versunken sind, verbissen auf eine Verbesserung hinzuarbeiten, könnten wir gänzlich vergessen, unser Leben zu leben.

Der Musiker, dessen Hauptinteresse darin besteht, jede seiner Vorstellungen besser zu machen als die vorhergehende, könnte die Anteilnahme und Freude an seiner Musik verlieren, indem er sein Publikum nur durch die ängstliche Straffheit seiner Technik zu beeindrucken sucht.

 

Quelle: Alan Watts aus: Dies ist es“ und andere Essays über Zen und spirituelle Erfahrung (orig.: „This Is It“ and Other Essays on Zen and Spiritual Experience, 1960), 1981, ISBN 3-85914-135-X

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